Biografie und Wirken
Stille im Lesesaal
Ein schmuckloses Pult, das Licht der späten Nachmittagssonne auf vergilbtem Pergament. In den Bibliotheken von Münster und Breslau formte sich ein Blick, der nicht an der Oberfläche der Buchstaben haftete. Es ist die Haltung des Epigraphikers, der im Stein nicht nur die Schrift, sondern den Atem einer vergangenen Epoche sucht. Hier herrschte die Zucht der Grammatik, eine Strenge, die zur Voraussetzung wurde, um in die dunklen Bezirke der antiken Geisteswelt vorzudringen.
Die Lehren des Aufstiegs
Das frühe Hauptwerk Die Lehren des Hermes TrismegistosHermes Trismegistos (altgriech. Ἑρμῆς ὁ Τρισμέγιστος „der dreimal größte Hermes“) ist die legendäre Gestalt, in der sich die Weisheit des ägyptischen Gottes Thot mit dem griechischen Hermes verbindet. Er gilt als Autor der hermetischen Schriften und Lehrer der zeitlosen Geheimnisse. Als Mittlerfigur verkörpert er das Wissen, das den Kosmos, die Magie und die menschliche Seele in einer gemeinsamen Wahrheit vereint. markierte das Eindringen in ein Labyrinth. Josef Kroll untersuchte jene Schriften, in denen sich die antike Philosophie mit der Sehnsucht nach Erlösung vermengte. Er sichtete das HermetischeDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. Korpus mit der Distanz des Philologen und der Neugier des Suchers. Es ging um die TransmutationTransmutation (lat. transmutatio „Verwandlung“) beschreibt die bewusste Veredelung oder qualitative Transformation eines Zustands in einen anderen. In der inneren Praxis bezeichnet sie die gezielte Umwandlung niederer, unbewusster Kräfte und Impulse in höhere, geistige Qualitäten – symbolisiert durch die alchemistische Wandlung von Blei in Gold. des Geistes, um den Aufstieg durch die Sphären, ein Thema, das in einer zunehmend mechanisierten Welt wie ein fernes Echo aus einer versunkenen Heimat klang.
Gefährten im lichten Hain
In den akademischen Zirkeln bewegte er sich in der Nähe von Geistern wie Richard Reitzenstein. Dieser Mentor der Religionsgeschichtlichen Schule prägte Krolls Verständnis für die Wanderung der Motive zwischen Orient und Okzident. Es war ein Austausch über die Grenzen der Disziplinen hinweg, eine gemeinsame Suche nach dem UrgrundUrgrund ist die metaphysische Grundbedingung der Weltentstehung. Er markiert den Übergang von der absoluten Einheit zur ersten Differenzierung und bildet den notwendigen Boden, auf dem sich die Schöpfung entfalten kann. der GnosisDie Gnosis (altgriech. γνῶσις Erkenntnis) bezeichnet eine durch göttliche Offenbarung erlangte spirituelle Selbsterkenntnis, die zur Befreiung der Seele aus der materiellen Welt führen soll. Sie betont die direkte, innere Erfahrung des Göttlichen gegenüber dogmatischem Glauben und ist ein zentrales Fundament vieler hermetischer Traditionen.. Auch die Verbindung zu Franz Cumont, dem Deuter der Mithras-MysterienMysterien (altgriech. μυστήριον mystērion) bezeichnen antike Geheimkulte, deren Riten den Anhängern – oft durch eine exklusive Einweihung – ein glückliches Leben nach dem Tod versprachen. Bekannte Beispiele sind die Mysterien von Eleusis oder der Kult des Mithras., zeigt das Umfeld eines Gelehrten, der die Antike nicht als abgeschlossenes Museum, sondern als lebendigen, mythischen Strom begriff.
Der Abstieg in die Unterwelt
Ein Wendepunkt der Forschung war die Untersuchung Gott und Hölle. Kroll widmete sich dem Motiv der Höllenfahrt, der Katabasis. Er analysierte, wie sich die Vorstellung vom Abstieg in das Totenreich durch die Jahrhunderte zog, von den homerischen Schatten bis zur christlichen Liturgie. Es war eine Kartographie der Tiefe, erstellt in einer Zeit, in der die äußere Welt selbst Anstalten machte, in ein Chaos ohnegleichen zu versinken. Das Studium der Unterwelt wurde zur Vorbereitung auf die eigene geschichtliche Prüfung.
Rektor in der Trümmerlandschaft
Die äußere Biographie verließ den Schutz der staubigen Folianten, als Köln in Schutt und Asche sank. Im Jahr 1945 stand der Gelehrte vor den Trümmern der Universität. Die Ernennung zum Rektor durch die Besatzungsmacht war kein Akt der Eitelkeit, sondern eine Last der Pflicht. Kroll wurde zum Organisator des Neuanfangs. Er musste zwischen den Ansprüchen der Politik und der Freiheit der Wissenschaft vermitteln, ein Balanceakt auf den Ruinen einer Zivilisation, deren Fundamente er so lange studiert hatte.
Der Klang der christlichen Hymnen
Ein spätes Feld seiner Gelehrsamkeit galt dem christlichen Hymnus. In den frühchristlichen Gesängen suchte er die Fortführung antiker Metren. Es war der Versuch, die Nahtstelle zwischen dem Heidentum und der neuen Lehre zu finden. Kroll sah in den Versen nicht nur poetische Übungen, sondern die Artikulation einer neuen Hoffnung, die sich der alten Formen bediente. Die Untersuchung dieser Texte war für ihn eine Rückkehr zur Quelle, eine Reinigung der Sprache von der Schlacke der Ideologien.
Die Beständigkeit des Klassischen
Sein Wirken als Senator der Max-Planck-Gesellschaft und seine Rolle in der Deutschen Forschungsgemeinschaft zeugen von einer späten Anerkennung im Gefüge der jungen Republik. Doch hinter den Titeln und Ehren blieb er der Mann des Textes. Die radikale Suche galt nicht dem Applaus der Zeitgenossen, sondern der Wahrheit des geschriebenen Wortes. Er blieb ein Wächter der Tradition, der wusste, dass nur das, was durch das Feuer der Kritik gegangen ist, Bestand haben kann.
Der Horizont von Duisburg
In den letzten Jahrzehnten kehrte die Stille zurück. Der Blick weitete sich über das Rheintal, während die Arbeit an den Quellen nie abriss. Der Kontrast zwischen der Macht der Ämter und der Bescheidenheit des Forschers löste sich in einer großen Gelassenheit auf. Josef Kroll verstarb 1980 als einer der letzten Zeugen einer Epoche, die das Wissen um die Antike noch als Kompass für die Gegenwart begriff. Er hinterließ ein Archiv der Geistesgeschichte, das darauf wartet, von neuen Suchenden entziffert zu werden.