Åsgårdsreien
(Die Reiter von Asgard, Die Wilde Jagd)

Peter Nicolai Arbo

1872

Gewitterhimmel über den Köpfen der Sterblichen

Ein reißender Strom aus Hufen, Leibern und Mythen bricht durch das morsche Gebälk der menschlichen Vernunft.

Sturm über dem Unterholz

Peter Nicolai Arbo schleudert den Betrachter mitten in das Tosen der Elemente. Es gibt keinen sanften Übergang, kein schützendes Ufer für das Auge. Das Werk bricht mit der statischen Ruhe der akademischen Historienmalerei, indem es die Bewegung selbst zum Gesetz erhebt. Ein Heer von Geistern, Göttern und Verdammten jagt über einen düsteren nordischen Wald hinweg, während die Baumwipfel sich im Orkan biegen. Arbo nutzt die Ölfarbe nicht zur bloßen Schilderung einer Landschaft, sondern zur Entfesselung einer Naturkraft, die das Irdische mit dem Überirdischen verschmilzt.

Das Tosen der Totenrufer

Die Leinwand atmet den Geist des altnordischen Glaubens, wie ihn die Lieder-Edda und die Snorra-Edda überliefert haben. Es ist die Wilde Jagd, im Norwegischen als Åsgårdsreien bekannt, die hier als Heimsuchung über das Land zieht. Angeführt wird der Zug von Odin, dem Gott des Krieges und der Magie, flankiert von den kämpfenden Walküren. Diese Seelenprozession ist kein friedlicher Heimgang, sondern ein lärmendes Vorzeichen von Unheil, Pestilenz und Krieg. Arbo fängt genau jenen Zustand ein, den der Volksglaube fürchtete: das Aufbrechen der unsichtbaren Welt in die Sphäre des Alltags.

Der Rausch des Verderbens

Im Zentrum des rasenden Zuges steht die Gestalt des Thor, der mit erhobenem Hammer Mjölnir auf seinem von Ziegenböcken gezogenen Wagen durch die Wolken bricht. Das Bild vibriert von einer Dynamik, die an die literarischen Entwürfe von Jacob Grimm erinnert, der in seiner Deutschen Mythologie das Phänomen des Wütenden Heeres kulturgeschichtlich untersuchte und als urzeitlichen Seelenkult deutete. Die Reiter sind nackt, verzweifelt und berauscht zugleich. Sie verkörpern die Ekstase, jene heilige Raserei, die den Menschen aus seiner zivilisatorischen Ordnung reißt und ihn in das ursprüngliche Chaos zurückwirft.

Wurzeln im tiefen Dunkel

Das Werk, vollendet im Jahr 1872, steht im dichten Beziehungsgeflecht des skandinavischen Nationalromantismus. Arbo verarbeitet hier dieselbe mythologische Schwere, die auch Richard Wagner in seinem Musikdrama Die Walküre orchestral beschwört. Doch die geistesgeschichtliche Spur führt tiefer, hinein in das Feld der Dämonologie des Paracelsus, der solche Luftphänomene als Animae Brutorum, als unruhige Geister verstorbener Sünder, beschrieb. Auch die düsteren Visionen eines Francisco de Goya und dessen Caprichos hallen in der schieren Grausamkeit der Fratzen wider, die aus dem Wolkenhimmel herabstürzen.

Die Nachtseite des Geistes

Arbo verzichtet auf eine moralische Wertung des Schreckens. Das Gemälde feiert die schöpferische Zerstörung. Die Dämmerung ist hier kein Moment der stillen Einkehr, sondern die Stunde der Entgrenzung, in der das rationale Tagesbewusstsein der ungeheuren Tiefe des Unbewussten weichen muss. In einem Jahrhundert, das sich der lückenlosen Aufklärung und der technischen Beherrschung der Welt verschrieben hatte, erinnert dieses Bild an die ungezähmte Nachtseite des menschlichen Geistes, die sich in den alten Mythen ihr bleibendes Denkmal gesetzt hat.

Über den Künstler

Peter Nicolai Arbo

Der Nebel über den Bergen Das Land liegt in einem tiefen Schlaf, durchzogen von dunklen Tälern und dem harten Glanz der Fjorde. Es herrscht eine Stille, die nur durch das ferne Rollen des Donners unterbrochen wird. In dieser Weite formt sich ein B...

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