Eros and Thanatos Kicked Out of Hell

Agostino Arrivabene

2024

Verstoßene Kräfte am steinernen Tor

Entstanden im Jahr 2024, reiht sich das Werk Eros and Thanatos Kicked Out of Hell von Agostino Arrivabene in eine Reihe komplexer Ikonografien ein, die tief in der antiken Mythologie und der europäischen Geistesgeschichte verankert sind. Das Gemälde zeigt das Schaffen des lombardischen Künstlers auf dem Höhepunkt seiner altmeisterlich geschulten Technik, bei der Öllasur und Eitempera in Schichten über einem dunklen, beinahe architektonischen Grund aufgetragen wurden.

Die zentrale Szenerie zeigt die beiden verbrüderten Urprinzipien der griechischen Kosmologie – den Trieb des Lebens und die Macht des Todes – im Moment ihrer Vertreibung aus dem chthonischenchthonisch (altgriech. χθών, „Erde“, „Erdreich“) ist die Bezeichnung für Mächte, Gottheiten und Symbole, die der Erde, der Unterwelt oder der dunklen Tiefe zugeordnet sind. Im Gegensatz zu den lichten, olympischen Himmelskräften repräsentiert das Chthonische das Empfangende, Materielle, Unbewusste und Transformative – in der Alchemie eng verwoben mit der Nigredo und den Wandlungsprozessen der dunklen Materie. Abgrund. Wo die tradierte Kunstgeschichte meist den Abstieg in die Unterwelt thematisiert, vollzieht diese Komposition eine überraschende Wendung: Die Unterwelt selbst stößt die Agens-Kräfte des menschlichen Schicksals ab.

Die Dualität der geflügelten Gestalten

Im Zentrum des Geschehens steht die lichtdurchwirkte Figur des Eros mit ausgebreiteten Flügelansätzen und gesenktem Haupt, flankiert von der schemenhaft erstarrten Form des Thanatos. Die Anatomie der Körper besticht durch ein feines Spiel von Chiaroscuro, das sich an den Hell-Dunkel-Modellierungen eines Leonardo da Vinci und der unerbittlichen Plastizität von Jusepe de Ribera orientiert. Der Lichtschein entspringt keineswegs einer äußeren Quelle, sondern scheint aus den doppelten Farbschichten und dem hauchdünn verriebenen Pigment der Haut selbst zu emulgieren. Diese Doppelgestalt verweist auf die psychoanalytische wie philosophische Dualismus-Lehre, nach der Trieb und Vergehen unauflösbar aneinandergekettet sind. Der Moment des Verstoßes verwandelt die Mythengestalten in heimatlose Nomaden zwischen den Welten.

Das Gesetz des architektonischen Rahmens

Linker Hand begrenzt eine mächtige, dunkle Portalarchitektur den Bildraum, an deren Pfeiler eine stumme, wächtergleiche Schemenfigur mit strahlenförmigem Nimbus verharrt. Die Strenge dieser vertikalen Achse erinnert an die geometrische Traktatliteratur von Leon Battista Alberti, wird jedoch durch verkrustete Oberflächen und organische Wucherungen gebrochen. Die Architektur fungiert als Liminalität, als schwellebildendes Element zwischen der ewigen Finsternis des Hades und dem verheißenden Licht des Äthers. Durch den gezielten Einsatz von Impastato – dem teils pastosen, krustigen Farbauftrag an den Rändern des Tors – gewinnt das Holz- oder Steinwerk eine haptische Verwitterungsstruktur, welche die Zeittiefe des Ortes erfahrbar macht.

Der Strudel der schwebenden PneumaPneuma (griech. πνεῦμα, „Atem“, „Hauch“, „Geist“) ist in der antiken Stoa das feinstoffliche, belebende Weltprinzip, das als göttlicher Hauch alle Materie durchdringt. Im Hermetismus und der Gnosis steht das Pneuma für den unsterblichen, göttlichen Funken im Menschen, der den physischen Körper (Soma) und die Seele (Psyche) transzendiert und das eigentliche Organ der Gnosis (Erkenntnis) bildet.-Formen

Über den im Vordergrund drängenden Gestalten wölbt sich im oberen Drittel eine ätherische, segelartige Wolke, in der sich feingliedrige, feinstoffliche Leiber abzeichnen. Dieses Bildmotiv greift die neuplatonischeDie philosophische Strömung des Neuplatonismus versteht die Welt als stufenweisen Ausfluss (Emanation) des höchsten, unendlichen Prinzips, dem „Einen“. Sie formte maßgeblich das metaphysische Denken der Spätantike und bildet eine zentrale Brücke zwischen klassischer Philosophie und esoterischer Weltsicht. Vorstellung des Vehiculum Animae auf, wie sie in den Schriften des Proklos als ätherische Hülle der Seele beschrieben wird. Die Farbpalette verfeinert sich an dieser Stelle zu transluzenten Tönen von Muschelweiß, Lapislazuli und verwaschenem Rosa, aufgetragen in der Technik der Velatura. Das Schweben dieser schimmernden Form kontrastiert scharf mit den schweren, zerklüfteten Fels- und Knochenstrukturen am Boden. Die oberen Regionen zeichnen den Weg der Beseelung vor, dem sich die verstoßenen Mächte nicht mehr entziehen können.

Das Fundament der versteinerten Kreatur

Am untersten Bildrand drängen sich versteinertes Gebein, eine aufgetane Hand und die stumme Silhouettengestalt einer lagernden Bestie auf zerklüftetem Gestein. Die Darstellung verankert die Szene in der Tradition der klassischen Vanitas-Sinnbilder, verweigert jedoch die bloße Moralinsäure barocker Stillleben. Jedes Detail, von den Rissen im Boden bis hin zu den feinen Verästelungen der korallenartigen Gebilde, entspringt einer akribischen Naturbeobachtung im Geist eines Jan van Eyck. Die Erde verharrt als passiver Zeuge der Vertreibung. In der kompromisslosen Hingabe an die Verschmelzung von mythologischem Gehalt und materieller Präzision behauptet das Werk seinen Rang als tiefgründiges Manifest künstlerischer Autonomie.

Über den Künstler

Agostino Arrivabene

Die Anatomie des Verborgenen In der lombardischen Tiefebene, weitab der hektischen Diskurse der zeitgenössischen Kunstmetropolen, entfaltet sich ein Schaffen, das die Grenzen des Sichtbaren radikal hinterfragt. Die Malerei von Agostino Arrivabene,...

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