Der leuchtende Reiter im Nachtraum
In den Forschungen der analytischen Psychologie der sechziger Jahre nimmt die Malerei von Peter Birkhäuser einen besonderen Rang ein. Unter dem Eindruck der Traumanalysen bei Marie-Louise von Franz hatte sich der Basler Künstler von der klassischen Gegenständlichkeit abgewandt und öffnete seine Leinwand den Gestalten des kollektiven Unbewussten.
Im Jahr 1960 entstand die Arbeit Puer, eine visuelle Manifestation jenes Archetyps, den Carl Gustav Jung als Puer Aeternus bezeichnete. Der Knabe reitet auf einem ungefügen, weißbehaarten Fabelwesen durch ein sternenübersätes Firmament, eine Konfrontation von geistiger Lichtgestalt und chthonischerchthonisch (altgriech. χθών, „Erde“, „Erdreich“) ist die Bezeichnung für Mächte, Gottheiten und Symbole, die der Erde, der Unterwelt oder der dunklen Tiefe zugeordnet sind. Im Gegensatz zu den lichten, olympischen Himmelskräften repräsentiert das Chthonische das Empfangende, Materielle, Unbewusste und Transformative – in der Alchemie eng verwoben mit der Nigredo und den Wandlungsprozessen der dunklen Materie. Triebkraft.
Die Anatomie der Vielarmigkeit
Die Silhouette des Knaben zeichnet sich in schimmerndem Smaragdgrün ab, während sein Oberkörper gleich vier Arme ausbildet. Dieses ikonographische Element verweist auf altindische Gottheiten und symbolisiert eine gesteigerte Handlungsautonomie des Seelischen. Ein Arm weist gebieterisch nach vorn, zwei weitere halten das Gespann, während die vierte Hand sich zart im Raum entfaltet. In Carl Gustav Jungs Werk Psychologie und Alchemie entspricht diese Mehrgliedrigkeit dem Übergang von der statischen Form zur dynamischen Entfaltung archetypischerArchetypen sind jene tiefsitzenden, universellen Urbilder, die – wie C.G. Jung in seiner analytischen Psychologie darlegte – das Fundament unseres kollektiven Unbewussten bilden. Sie sind das lebendige Echo mythischer Erzählungen und archetypischer Träume, das weit über die bloße Psychologie hinaus in die Bildwelten menschlicher Kultur hineinwirkt. Energie. Die grüne Aura isoliert die Figur vom dunklen Kosmos und markiert den Beginn einer seelischen Erneuerung.
Das chthonische Reittier aus der Tiefe
Das Fabelwesen unter dem Knaben trägt das zottelige Fell eines Riesenebers, bewaffnet mit Stoßzähnen und einem glühenden Auge. Der feurige Atem, der aus den Nüstern der Kreatur entweicht, verankert das Motiv in der Materialität der Unterwelt. Marie-Louise von Franz deutet das Wildschwein in ihren Studien zur Mythologie als SymbolDas Symbol ist ein verdichtetes Zeichen, das über seine bloße materielle Erscheinung hinaus auf eine tiefere, transzendente Wirklichkeit verweist. Im hermetischen Kontext ist das Symbol kein willkürliches Abbild, sondern ein „Korrespondenz-Anker“, der die Kraft der bezeichneten Idee in die physische Ebene kanalisiert und so als Brücke zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos fungiert. der blinden, ungesteuerten Naturkraft, die erst durch den Reiter ein Ziel erhält. Die weiße Dichte des Fells bildet den massivsten Kontrapunkt zur Ätherizität des Knaben und zwingt den Betrachter zur Anerkennung der animalischen Basis aller geistigen Aufbrüche.
Das kosmische Gestirn und die Kristallblüte
Im rechten oberen Feld leuchtet ein glühend orangefarbener Himmelskörper, flankiert von einer vielblättrigen, tiefblauen Blütenform. Das Motiv greift das romantische Symbol der Blauen Blume auf, wie es Novalis in Heinrich von Ofterdingen prägte, führt es jedoch in eine Transzendenz des kosmischen Raumes über. Ein violetter Lichtstrahl verbindet die Kristallblüte direkt mit den Zügeln des Reittiers und schafft eine energetische Achse im Bildgefüge. Die Sonnenkugel repräsentiert das erwachende Selbstbewusstsein, während die blaue Blüte als Symbol der unendlichen Erkenntnissehnsucht den Pfad der Wandlung markiert.
Die Synthese der Gegensätze
Die Verschmelzung von pflanzlichen, tierischen und astralen Elementen folgt der alchemistischenAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. Idee des Unus Mundus, der einen, ungeteilten Welt. Das Werk verdichtet die seelische Dynamik einer Individuation, in welcher der ewige Knabe nicht verfliegt, sondern die ungezähmte Kraft der Tiefe lenkt.
Das Zusammenspiel von Nachtschwarz, Feuerorange und Äthergrün hebt die Trennung von Oben und Unten auf. In dieser Komposition gelingt eine bildnerische Übersetzung der Analyse, die den Geist nicht von der Materie trennt, sondern beide als Pole eines einzigen Verwandlungsprozesses begreift.
Über den Künstler
Peter Birkhäuser
Die Kunst der Nachtseite Wer den künstlerischen Weg des Schweizer Malers und Grafiker Peter Birkhäuser nachzeichnet, stößt auf eine der erstaunlichsten Wandlungen in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Geboren 1911 in Basel und aufgewachsen ...
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