Das Tor zur solaren Hermetik
Der niederländische Maler Johfra Bosschart vollendete das Gemälde The Vision of Hermes Trismegistus im Jahr 1972 als Teil seines heute legendären Tarot-Zyklen-Umfeldes und der Auseinandersetzung mit der Gnosis. In einer Zeit, in der das europäische Kunstschaffen vom abstrakten Expressionismus dominiert wurde, wendete sich der Künstler einer altmeisterlichen, an Hieronymus Bosch und Salvador Dalí geschulten Feinmalerei zu.
Die Bildkomposition entfaltet das Urmotiv der hermetischenDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. InitiationInitiation ist der rituelle oder existenzielle Übergangsprozess, der den Suchenden aus seinem gewohnten Weltbild löst und in ein neues Bewusstseinsstadium einführt. Sie markiert nicht den Abschluss, sondern den Beginn der bewussten Arbeit an der eigenen Transformation und der Integration des göttlichen Funkens., wie es im einleitenden Traktat Poimandres des Corpus Hermeticum überliefert ist: Die Befreiung des geistigen Funken aus der materiellen Einkleidung durch eine welterschütternde Schau.
Der Abgrund der materiellen Sphäre
Am unteren Bildrand erstreckt sich eine von grotesken Ungeheuern, Dämonen und knöchernen Schemen bevölkerte Unterwelt. Das anatomisch präzise gemalte Skelett links ruht auf bröckelnden Felsformationen, während sich verkrümmte Gestalten in einer staubigen Schlucht drängen.
Johfra übersetzt hier die altgriechische Konzeption der Hyle – der trägen, ungeformten und an die Sinnlichkeit geketteten Materie – in eine beklemmende Bildsprache. Die Dichte der Kreaturen erinnert an die infernalischen Szenarien der Renaissance, doch dient die Dunkelheit nicht dem bloßen Schrecken. Sie bildet das notwendige Fundament, von dem sich der aufsteigende Geist abstößt.
Die Erweckung des Lichtsynthese
Zentral über dem Abgrund schwebt eine strahlende, androgyne Gestalt, umwunden von einer leuchtenden Schlange, deren Windungen dem klassischen Caduceus gleichen. Der Unterkörper berührt eine geflügelte Sphäre mit der Mondsichel, während die rechte Hand gen Himmel weist. Hier visualisiert der Maler das Prinzip der Erlösung durch Einsicht: Die Schlange symbolisiert nicht den Sündenfall, sondern die aufsteigende Kundalini-Kraft und den kosmischen Nous, der den Geist aus der Schwere der Erde emporhebt. Das Licht, das von der zentralen Figur ausgeht, bricht die Finsternis der Felslandschaft mit geometrischer Akribie.
Die Ordnung der kosmischen Archonten
Flankiert wird die Szenerie von zwei thronenden, monumental wirkenden Gestalten im Hintergrund, welche die Pole der manifestierten Welt verkörpern. Zur Linken thront eine verhüllte weibliche Gestalt unter dem Mond mit einem Kelch, zur Rechten eine majestätische männliche Figur unter der Sonne mit Zepter und Reichsapfel. Johfra greift damit die antik-gnostischeDie Gnosis (altgriech. γνῶσις Erkenntnis) bezeichnet eine durch göttliche Offenbarung erlangte spirituelle Selbsterkenntnis, die zur Befreiung der Seele aus der materiellen Welt führen soll. Sie betont die direkte, innere Erfahrung des Göttlichen gegenüber dogmatischem Glauben und ist ein zentrales Fundament vieler hermetischer Traditionen. Lehre von den Archonten und den dualen Prinzipien auf, wie sie auch im hermetischen Axiom der Tabula Smaragdina nach Hermes Trismegistus niedergelegt ist. Die Thronenden markieren die Grenzen der physischen Kosmologie, durch die der Eingeweihte hindurchschreiten muss.
Das Antlitz des göttlichen Pimander
Über dem Haupt der Lichtgestalt öffnet sich der Himmel in einer gewaltigen, mehrflügeligen Engerscheinung mit vieläugigen Antlitzen, gewoben aus purem, goldenem Licht. Diese Glorie repräsentiert Poimandres, den heiligsten Geist und Schöpferverstand des Universums. Die Akribie, mit der Johfra die feinen Federstrukturen und die strahlenförmigen Lichtemanationen mit dem Pinsel auf die Leinwand gezeichnet hat, verleiht dem Mysterium eine fast greifbare physische Präsenz. Der Betrachter wird Zeuge des Augenblicks, in dem das endliche Bewusstsein in den unendlichen Nous des Kosmos übergeht.
Über den Künstler
Johfra Bosschart
Geistesgeschichtlicher Standort und ästhetische Verortung Während die europäische Kunstwelt der Nachkriegszeit im Aufbruch der Abstraktion das Heil suchte, wählte der niederländische Maler, Illustrator und Grafiker Johfra Bosschart einen bemerkens...