Ein schlafender Pinsel verliert die Herrschaft über die Wirklichkeit
Ein erschöpfter Schöpfer versinkt im Lehnstuhl, während die Geisterwelt das Regiment über seine Leinwand übernimmt.
Das Aufbrechen der nächtlichen Zwischenreiche
John Anster Fitzgerald entlässt den Betrachter im Jahr 1857 aus der rationalen Ordnung der viktorianischen Epoche. Auf dem Tisch glimmt ein Kelch, dessen Inhalt die Pforten des Bewusstseins geöffnet hat; es ist das Jahrhundert des Opiums und des Laudanums, das hier seine alchemistischeAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. Spur hinterlässt. Fitzgerald, in London als Elfen-Fitzgerald bekannt, nutzt die feine Ölmalerei nicht zur Abbildung des Sichtbaren. Er seziert den Übergangszustand, jene flüchtige Sekunde, in der die Vernunft einschläft und das unbewusste Bildgedächtnis sich wie ein schillernder Fächer entfaltet.
Die Heimsuchung durch das kleine Volk
Ein dichter Schwarm von Feen, Kobolden und grotesken Mischwesen bevölkert das Atelier. Diese Gestalten sind keine harmlosen Dekorationen aus dem Märchenbuch; sie besitzen die vitale, bisweilen bedrohliche Natur der alten keltischen Mythologie. Die Komposition verweist direkt auf das berühmte Nachtmahr-Motiv von Johann Heinrich Füssli, doch Fitzgerald vervielfältigt die Bedrängnis. Es ist das Phantasma, die ungezähmte Einbildungskraft, die sich hier Bahn bricht. Die Geister raunen dem schlafenden Künstler Bildideen zu und werden so zu den eigentlichen Regisseuren des kreativen Prozesses.
Das Gift im Abendmahlskelch der Kunst
Das geistige Ökosystem dieses Bildes wurzelt tief in den literarischen Bekenntnissen eines Thomas De Quincey. Dessen Schrift Confessions of an English Opium-Eater lieferte die Matrix für diese Transformation des Raumes. Fitzgerald zeigt uns keine idyllische Inspiration, sondern eine Rauschvision. Die Wesen kriechen aus den Ritzen des Parketts, sie hängen an den Vorhängen und besetzen die unfertige Leinwand auf der Staffelei. Die Kunst erscheint hier als ein gefährliches Wagnis, als ein Pakt mit den Mächten der Nacht, der den Schöpfer physisch zehrt, während er seine Phantasie beflügelt.
Die hermetischeDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. Spaltung der Persönlichkeit
Der Maler schläft, doch sein inneres Auge wacht mit einer Klarheit, die an das Astralreisen in den okkultenOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. Lehren von Emanuel Swedenborg erinnert. Der Körper wird zum leeren Gehäuse, während der Geist die Sphären der niederen Elementarwesen durchwandert. Ein Wesen im Vordergrund hält dem Schläfer einen Spiegel vor, das klassische Requisit der Selbsterkenntnis und der magischen Evokation. Fitzgerald verbildlicht das Paradoxon der künstlerischen Existenz: Erst im Zustand der absoluten Passivität, in der Lähmung des Willens, empfängt das Medium die wahre, unverfälschte Eingebung.
Ein leuchtendes Fanal gegen das utilitaristische Jahrhundert
Fitzgerald malt diesen Traum in einer Zeit, in der das industrialisierte England die Welt nach den Gesetzen von Effizienz und Dampfkraft vermisst. Sein Werk bildet die radikale Absage an diesen pragmatischen Geist. Er teilt die Sehnsucht der Präraffaeliten nach einer Wiederverzauberung der Natur, wählt jedoch nicht den Weg über die religiöse Historie, sondern über den Subjektivismus des Traums. Das Atelier wird zum geschützten Raum, zum letzten Refugium einer Magie, die in der lauten Fabrikwelt der Moderne keinen Platz mehr findet.
Über den Künstler
John Anster Fitzgerald
Das dämmerige Londoner Atelier Hinter den schweren Vorhängen in den Straßen von Lambeth herrschte Stillstand. Während draußen der Dampf der industriellen Revolution die Fassaden schwärzte, suchte eine ruhige Hand nach dem Glanz der Libellenflügel....