Die Errettung Adams

Ernst Fuchs

2012

Lichtsturz im flammenden Abgrund

Inmitten einer Epoche, in der die europäische Avantgarde die Gegenständlichkeit vollends in die Abstraktion auflöste, beharrte Ernst Fuchs als Mitbegründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus auf der altmeisterlichen Mischtechnik und der altägyptisch-jüdischen MystikMystik bezeichnet das Streben nach einer unmittelbaren, erfahrungsbasierten Einheit mit dem Göttlichen oder dem Absoluten. Anders als der Szientismus erkennt sie die Unzulänglichkeit der bloßen Ratio an und postuliert, dass die tiefste Wahrheit der Wirklichkeit nicht durch Analyse von außen, sondern durch Transformation und Versenkung von innen erschlossen wird.. Seine Bildschöpfung Die Errettung Adams entfaltet eine eschatologische Szenerie, in der die Materie selbst von unzähmbarem Feuer durchglüht scheint. Das Werk verankert den biblischen Stammvater nicht im feuchten Lehm des Paradieses, sondern in einer brennenden Unterwelt, deren Flammenzungen in strahlendem Gelb, Zinnober und tiefem Violett emporzüngeln.

Das herabstürzende Pneuma

Aus dem oberen Bilddrittel stößt eine dunkle, fast monochrom schimmernde Gestalt kopfüber in die glühende Tiefe hinab. Drei gesichtsähnliche Manifestationen bilden einen organischen Baldachin um diese herabstürzende Wesenheit, deren Hände nach unten weisen, um eine goldene, geometrisch geformte Chiffre zu fixieren. Es handelt sich um das Motiv der gnostischenDie Gnosis (altgriech. γνῶσις Erkenntnis) bezeichnet eine durch göttliche Offenbarung erlangte spirituelle Selbsterkenntnis, die zur Befreiung der Seele aus der materiellen Welt führen soll. Sie betont die direkte, innere Erfahrung des Göttlichen gegenüber dogmatischem Glauben und ist ein zentrales Fundament vieler hermetischer Traditionen. Anastasis, das Herabsteigen des Erlösers in die Finsternis der Unterwelt, wie es in der apokryphen Tradition des Nikodemusevangeliums geschildert wird. Der Erlöser erscheint keineswegs als ätherisches Wesen, sondern als geschmeidiger, schattenhafter Körper, der die feurige Ätherkraft zu durchbrechen vermag.

Die plastische Physis des Stammvaters

Im Zentrum des unteren Bildfeldes thront der gealterte Adam, hüllt sich in schweres, rotes Faltenwerk und reckt sein Antlitz mit geöffnetem Mund gen Himmel. Seine monochrom hervorgehobenen, gewaltigen Füße bilden das Fundament der Komposition und markieren die unumstößliche Erdgebundenheit des sterblichen Menschen. Ernst Fuchs bedient sich der kabbalistischenKabbala (hebr. קַבָּלָה „Empfang“, „Überlieferung“) bezeichnet das jüdisch-mystische System der Weltdeutung. Als „Landkarte“ des göttlichen Emanationsprozesses nutzt sie den Lebensbaum (Etz Chaim), um die Ebenen des Daseins zu strukturieren und den Aufstieg der Seele nachzuvollziehen. → Abgrenzung: In der westlich-okkulten Esoterik wird die universell adaptierte, synkretistische Form als Qabalah bezeichnet. Lehre vom Adam Kadmon, dem urzeitlichen Gottmenschen, dessen physischer Hülle die Funken des göttlichen Lichts entglitten sind. Die ausgeprägte Knochenstruktur der Knie und die monumentale Schärfe der Zehen betonen die physische Schwere der Schöpfung.

Dämonische Flankierung und phallische Symbolik

Zwei profilierte, barttragende Wächtergestalten mit gewundenen Locken und flügelartigen Auswüchsen flankieren das zentral gelagerte Haupt Adams. Der rechte Wächter hält ein keulenartiges Phallussymbol aufrecht in der Hand, das mit antiken Priapus-Darstellungen und alchemistischenAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. Reduktionsgefäßen korrespondiert. Diese Wächter verkörpern die archontischen Mächte der materiellen Welt, welche die Seele an die Sphäre des Fleisches ketten wollen. Um die Beine des Erzvaters drängen sich kleine, krötenartige Scheusale und namenlose Wesenheiten, die den Niedergang der physischen Natur bezeugen.

Der Alchemistische Transformationsprozess

Die Bildgestaltung folgt der handwerklichen Präzision der altniederländischen Meister wie Jan van Eyck, deren Vielschichtigkeit durch wässrige Eitempera-Maltöne und harzige Ölglasuren erzielt wird. Durch diese Technik entsteht ein eigentümliches Tiefenlicht, welches das Bildgefüge wie ein brennendes Glas von innen heraus illuminiert. Die Befreiung des Geistes aus der Materie wird so zu einer visuellen Entsprechung des alchemistischen Magnum Opus, in dem die geschwärzte Substanz durch das philosophische Feuer zur TransmutationTransmutation (lat. transmutatio „Verwandlung“) beschreibt die bewusste Veredelung oder qualitative Transformation eines Zustands in einen anderen. In der inneren Praxis bezeichnet sie die gezielte Umwandlung niederer, unbewusster Kräfte und Impulse in höhere, geistige Qualitäten – symbolisiert durch die alchemistische Wandlung von Blei in Gold. geführt werden muss.

Über den Künstler

Ernst Fuchs

Der Prophet mit der Radiernadel Ernst Fuchs gehört zu den schillerndsten Gestalten der österreichischen Nachkriegskunst. Als Mitbegründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus wandte er sich bereits in den späten 1940er-Jahren gegen den d...

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