Schatten rufen Schatten an
Ein einzelner Akt der Anrufung durchbricht die Leere, in der sich das menschliche Streben gegen die Finsternis erhebt.
Die Geste als Beschwörung
Hier steht der Mensch nicht in der Welt, sondern vor dem Schlund. Johann Heinrich Füssli bannt einen Moment auf die Leinwand, der den Geist direkt in das Abgrundhafte führt. Der Anrufende reckt seine Arme empor, nicht in gläubiger Ergebenheit, sondern in einer erzwungenen Forderung. Es ist die Geste des Magiers, der die Mächte aus der Tiefe heraufbeschwört, eine Haltung, die an die Goetia erinnert, jene Kunst, Geister durch rituelle Formeln zu binden.
Licht aus dem Nichts
Das Licht in diesem Werk entstammt keiner Sonne. Es glimmt aus dem Höllenfeuer selbst, das den Boden in ein diffuses, unheilvolles Rot taucht. Dieser Schein erhellt nur die Körper, nicht die Wahrheit, und lässt die umgebende Felslandschaft in undurchdringliches Schwarz versinken. Man denkt unweigerlich an Robert Fludd, der das Licht als das erste Prinzip betrachtete, welches aus der göttlichen Einheit hervorgeht, doch hier ist das Licht pervertiert, eine bloße Reflektion des verbrannten Geistes.
Die Einsamkeit der Erkenntnis
Der Beschwörer bleibt allein. Kein Begleiter, kein Schutzraum, nur die unbedingte Präsenz des Gegenübers im Feuer. Ähnlich wie bei Gottfried Wilhelm Leibniz, der in seiner Monadenlehre das Individuum als abgeschlossene Welt begriff, steht hier der Mensch in einer absoluten Isolation. Er ist auf sich selbst zurückgeworfen, ein Suchender, der das Okulte nicht als Weisheit, sondern als Spiegel seiner eigenen Verzweiflung erfährt.
Grenzgänger zwischen den Welten
Füssli war Zeit seines Lebens mit den Rändern der Vernunft vertraut. Er schuf Bilder, die in den Räumen zwischen Traum und Wachen existieren, in jenen Zonen, die Karl Spiesberger später in seiner Beschäftigung mit den verborgenen Kräften des Menschen als wirkmächtige Projektionsfelder beschrieb. Die Zeichnung ist ein solches Feld, ein Ort, an dem die Grenze zwischen dem Ausführenden und dem Angerufenen fließend wird.
Der Widerhall der Tat
Wenn der Arm sich hebt, antwortet der Abgrund. Es ist das ewige Spiel der Anziehung, eine Dynamik, die auch die Alchemie durchzieht, in der das Solve et Coagula – das Lösen und Binden – den Kern der Verwandlung bildet. Der Anrufende hofft auf Macht, doch die Zeichnung zeigt das Zögern, die Spannung eines Augenblicks, in dem die Antwort noch in der Schwebe liegt. Ein Werk, das nicht erzählt, sondern die Stille nach dem ersten Ruf konserviert.
Über den Künstler
Johann Heinrich Füssli
Zwischen Licht und finsterem Traum Johann Heinrich Füssli hinterließ ein Werk, das die bürgerliche Ordnung des 18. Jahrhunderts in ihren Grundfesten erschütterte und den Blick in die verborgenen Regionen menschlicher Existenz freigab. Vom Zürcher ...
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