Saitenspiel zwischen Erde und Äther
Als Alex Grey das vertikal gestreckte Bogenbild Monochord schuf, berief er sich direkt auf eines der einflussreichsten kosmologischen Diagramme der Frühen Neuzeit. Die Bogenform erinnert an die Fenstergotik oder an ein Altarretabel, birgt jedoch eine detaillierte Übertragung des mystischen Einsaiters, wie ihn der englische Arzt und RosenkruzianerDas Rosenkreuzertum ist eine spirituell-philosophische Strömung, die durch ihre Manifeste im 17. Jahrhundert bekannt wurde und bis heute als Impulsgeber für christliche Mystik, hermetische Philosophie und Alchemie wirkt. Sein Ziel ist eine umfassende gesellschaftliche und individuelle Reform im Sinne einer „universellen Reformation“. Robert Fludd in seinem Traktat Utriusque Cosmi Historia im Jahr 1617 veranschaulichte.
Eine anatomisch genau durchgearbeitete, entblößte Männergestalt schwebt in blau leuchtendem Äther; ein vertikaler, strahlender Lichtstrang durchmisst als zentrale Sehne ihren Körper vom Scheitel bis zur Basis. Wo Fludd das Monochord als Instrument darstellte, dessen Saite von der Hand Gottes von den höchsten Himmelssphären bis zur materiellen Erde gestimmt wird, wird bei Grey der menschliche Mikrokosmos selbst zum Resonanzkörper dieses kosmischen Akkords.
Die Stimmung der Sphären
Der zentrale Lichtstrahl durchschneidet die Wirbelsäule und die Vitalorgane wie eine straff gespannte Saite aus purem Weiß. Diese vertikale Achse teilt die Komposition in symmetrische Schwingungszonen und verknüpft die physische Anatomie mit dem altgriechischen Prinzip der Harmonia. Was der Renaissance-Astronom Johannes Kepler in seinem Werk Harmonices Mundi als mathematisches Verhältnis der Planetenbahnen errechnete, wird in der Bildstruktur als optische Schwingung erfahrbar. Der Lichtfaden fungiert als das göttliche Monochord, an dem die unterschiedlichen Dichtegrade des Seins – von den grobstofflichen Organen im Unterleib bis zur lichten Bewusstseinsregion des Kopfes – wie musikalische Intervalle abgegriffen werden.
Der Körper als geometrisches Gitter
Die Oberfläche der Figur ist nicht durch eine opake Haut verschlossen, sondern legt das fein verästelte System von Venen, Arterien und Nervensträngen offen. Umgeben ist der Leib von einem komplexen Geflecht aus rotierenden geometrischen Mandalas und tiefblauen Facetten, die an Kristallstrukturen oder oszillierende Wellenfelder erinnern. Diese Darstellungsweise nimmt direkten Bezug auf die Sacred Geometry, wie sie in den Bautraktaten der Renaissance und in den esoterischenEsoterik ist der Sammelbegriff für Lehren, die ein „inneres“, verborgenes Wissen vermitteln, das sich nur dem Eingeweihten erschließt. Sie befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen Mensch, Kosmos und dem Göttlichen. In dieser Bibliothek steht Esoterik für den ganzheitlichen, kontemplativen Zugang zur Wirklichkeit. Entwürfen eines Athanasius Kircher als Grundbauplan der Schöpfung beschrieben wurde. Das Fleisch verliert seine Schwere und erweist sich als ein präzise gewebtes Netz, das die mathematische Ordnung des Raumes in organische Bahnen übersetzt.
Die Aufwärtsbewegung der Hand
Der erhobene linke Arm der Gestalt weist mit gestrecktem Zeigefinger nach oben, direkt auf den Scheitelpunkt des Bogens, wo sich der Lichtstrahl in einer Spirale verdichtet. Diese eindringliche Gestik zitiert das berühmte Motiv aus Rafaels Wandgemälde Die Schule von Athen, in dem Platon als Verfechter der Ideenlehre den Finger gen Himmel reckt. Bei Grey wird der Gestus zur plastischen Formel für die Anagoge, das Aufsteigen der Seele aus der materiellen Befangenheit in die Sphäre des reinen Lichts. Die transluzenten Blasen und Kugeln, die sich spiralig um den Körper winden, unterstreichen diese Dynamik als aufsteigende Gebilde einer geistigen Entlastung.
Das Haus der Schwingung
Der gewölbte Rahmen schließt das Geschehen nach oben hin ab und verleiht der Bildtafel den Charakter eines tektonischen Heiligtums. In dieser Wölbung verdichten sich die blauen Geometrien zu einer Kuppel, welche den makrokosmischen Himmel repräsentiert. Alex Grey verknüpft die neuzeitliche Vorstellungs- und Kupferstichwelt eines Robert Fludd mit der visuellen Sprache der modernen Schwingungslehre. Das Gemälde Monochord dokumentiert den Versuch, den Menschen nicht als isolierte biologische Maschine zu begreifen, sondern als ein fein gestimmtes Instrument, dessen Saiten tief im Gefüge der kosmischen Ordnung verankert bleiben.
Über den Künstler
Alex Grey
Das Anatomiebuch des Unversöhnlichen Wer die Schwelle zum künstlerischen Universum von Alex Grey überschreitet, verlässt die gewohnten Pfade der zeitgenössischen Kunstkritik und betritt ein Terrain, in dem Leichenschauhaus und Tempel nur wenige Sc...