Kerzenlicht auf dem Pfad nach Babel
Das Aquarell How Many Miles to Babylon der britischen Künstlerin Nooka Shepherd reiht sich ein in eine moderne Wiederbelebung der britischen Symbolik, die sich von der rein rationalen Weltabgewandtheit entfernt und stattdessen tief in Volksmythologie, Traumwelten und hermetischeDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. Traditionen eintaucht.
Der Bildtitel zitiert einen traditionellen englischen Kinderreim des siebzehnten Jahrhunderts, dessen ursprüngliche Abzählverse das Motiv der unerreichbaren, legendären Stadt mit der Frage nach der verbleibenden Lebenszeit verknüpfen. In einer Zeit stilistischer Fragmentierung schafft Nooka Shepherd eine vielschichtige, beinahe illuminierte Manuskriptseite, die in ihrer feingliedrigen Aquarelltechnik und den zarten Tuschelinien an die mystischen Buchmalereien eines William Blake erinnert. Eine zentrale Kerze teilt die Komposition in zwei ungleiche Hemisphären und fungiert als leitender Orientierungspunkt in einem nächtlichen Initiationsraum.
Der Schwanenreiter und das Ätherreich
Auf der linken Bildseite thront eine blasse, rotbraun behaarte Gestalt auf einem mächtigen, weiß gefiederten Schwan. Die Hände greifen sanft in das Gefieder, während aus dem Unterleib des Vogels ein dichtes Geflecht roter Wurzelstränge herabsickert. Dieses Bildmotiv greift die antike Erzählung von Leda und dem Schwan auf, übersetzt sie jedoch in die Sprache der mittelalterlichen Alchemie, in der der weiße Schwan (cygnus) als Sinnbild der albedo steht – jener Phase der Reinigung und Beseelung der Materie. Im Hintergrund zeichnen sich auf violettem Grund zarte, goldene Schemen ab, die wie feinstoffliche Egregore oder Wächterfiguren mit erhobenen Armen im Raum verharren. Diese Schemen symbolisieren die unstofflichen Begleiter auf einer Seelenreise.
Die liegende Priesterin und der blutende Mond
Die rechte Bildhälfte wird von einer entblößten, gelagerten Frauenfigur dominiert, die sich auf ein gemustertes Kissen stützt und einen grünen Kelch in der Hand hält. Ihre Unterarme sind von netzartigen Mustern überzogen, während ihr Blick auf die Begegnung mit dem Schwan gerichtet ist. Über ihr schwebt am dunklen, gefalteten Nachthimmel ein grünliches Antlitz, aus dessen Mund rote Blutstropfen fadenförmig herabfließen. Diese Darstellung verweist auf das hermetische Konzept der Emanation, bei dem geistige Kräfte kaskadenartig in die niedere, physische Welt herabsteigen. Der verletzte oder opfernde Himmelskörper wird hier zum Quellcode der materiellen Entstehung, dessen Tropfen die liegende Gestalt und den Boden benetzen.
Das Wurzelnetz am Brunnenrand
Am unteren Bildrand öffnet sich ein kreisrunder, blauer Brunnen, in dem eine kleinere Figur bis zum Oberkörper im Wasser steht und eine goldene Frucht emporhält. Das gesamte Bildgefüge wird durch ein System aus feinsten, rotfarbenen Äderungen zusammengehalten, die aus dem Schwan herauswachsen und sich wie ein Nervensystem über die gesamte untere Bildfläche erstrecken. Diese myzelartige Struktur entspricht der Vorstellung der Anima Mundi, der Weltenseele, wie sie in den Schriften des Giordano Bruno als verbindendes Band aller lebendigen Wesen beschrieben wird. Die gelben Früchte, die auf dem rosa gemusterten Teppich verstreut liegen, wirken wie die goldenen Äpfel der Hesperiden und markieren die Schwelle zwischen dem kühlen Nass und dem festen Boden.
Die Geometrie der Wandlung
Die Komposition verwebt archaische Mythen mit einer intimen, traumartigen Bildsprache. Nooka Shepherd verzichtet auf räumliche Tiefe zugunsten einer flächigen, symbolgeladenen Schichtung, in der jedes Detail als Chiffre verstanden werden will. How Many Miles to Babylon erweist sich als ein visuelles Grimoire, das die Reise der Seele durch die verschiedenen Aggregatzustände des Bewusstseins nachzeichnet. Das Werk bleibt ein Dokument über die Suche nach der verlorenen Ursprungsstadt, deren Distanz nicht in Meilen, sondern in Stufen der inneren Wandlung gemessen wird.
Über den Künstler
Nooka Shepherd