Das Orakel im Rautenkleid
Das 2019 entstandene Gemälde Midnight by the Lake der britischen Künstlerin Nooka Shepherd fügt sich in eine Wiederbelebung mythologischer und symbolistischer Motive ein, die das zeitgenössische Kunstschaffen abseits des rein Gegenständlichen prägt.
Im Bildraum verschmelzen archaische Volkssagen, okkulteOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. Ikonographie und eine intime, beinahe nächtliche Isolation. Ein feingliedriger, mondsichelförmiger Nachthimmel bildet den oberen Abschluss, während im Zentrum eine harlekinesk gemusterte Gestalt auf den Betrachter blickt. Diese vielschichtige Überlagerung von Motiven knüpft an die Bildwelten der Präraffaeliten sowie an die mystische Malerei einer Leonora Carrington an. Der flächige, mit floralen und astronomischen Gravuren übersäte Untergrund erzeugt das Gefühl eines reich ornamentierten Teppichs oder einer magischen Gebetsmatte, auf der sich ein nächtlicher Initiationsritus vollzieht.
Die Maskerade des Arlecchino
Im Vordergrund sitzt eine androgyne Figur, gehüllt in ein eng anliegendes Gewand aus rot-goldenen Rauten, das eineDas Eine ist die absolut transzendente, unteilbare Quelle alles Seienden. Im Neuplatonismus ist es die erste Hypostase, die jeder Vielheit vorausgeht als Ursprung aller Emanationen, ohne selbst Teil der manifestierten Welt zu sein. Brust entblößt zeigt. Die Gestaltung des Musters nimmt direkten Bezug auf die Commedia dell’arte und die Figur des Arlecchino, dessen ursprüngliche Rolle in den mittelalterlichen Volkssagen die eines chthonischenchthonisch (altgriech. χθών, „Erde“, „Erdreich“) ist die Bezeichnung für Mächte, Gottheiten und Symbole, die der Erde, der Unterwelt oder der dunklen Tiefe zugeordnet sind. Im Gegensatz zu den lichten, olympischen Himmelskräften repräsentiert das Chthonische das Empfangende, Materielle, Unbewusste und Transformative – in der Alchemie eng verwoben mit der Nigredo und den Wandlungsprozessen der dunklen Materie. Dämons oder Höllenführers war, bevor er zur Witzfigur des Theaters degradiert wurde. Das Gesicht der Gestalt wirkt stilisiert wie eine Wachsmaske mit azurblau geschminkten Lidern und stark geröteten Wangen. Mit ruhendem, unbewegtem Blick hält sie in ihrer Armbeuge den Stiel eines goldenen Kerzenständers, dessen dünne Flamme das einzige künstliche Licht der Szene spendet. Hier verschmelzen das Narrenkleid und die Würde einer Priesterin zu einem Bild der doppelten Identität.
Der Zungenkuss der Himmelswesen
Hinter der Rautenfigur vollzieht sich im oberen Bilddrittel eine ätherische Begegnung zweier geflügelter Wesen. Eine blau leuchtende, engelhafte Gestalt schmiegt ihr Profil an eine rothaarige, nackte Figur und berührt deren Lippen mit einer dünnen, gespaltenen Zunge. Diese szenische Überlagerung zitiert das hermetischeDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. Konzept der Hieros Gamos, der heiligen Hochzeit zwischen gegensätzlichen Prinzipien wie Geist und Materie, Himmel und Chthonismuschthonisch (altgriech. χθών, „Erde“, „Erdreich“) ist die Bezeichnung für Mächte, Gottheiten und Symbole, die der Erde, der Unterwelt oder der dunklen Tiefe zugeordnet sind. Im Gegensatz zu den lichten, olympischen Himmelskräften repräsentiert das Chthonische das Empfangende, Materielle, Unbewusste und Transformative – in der Alchemie eng verwoben mit der Nigredo und den Wandlungsprozessen der dunklen Materie.. Die Flügel der blauen Gestalt wirken transparent wie Libellenflügel und tragen feine, gelbe Lichtadern. Dieser Kuss ist kein profaner Akt der Zuneigung, sondern eine alchemistischeAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. Übertragung von Lebenskraft oder Erkenntnis, gebunden an den nächtlichen Augenblick unter der abnehmenden Mondsichel.
Die Zeichensprache des Bildgrundes
Der Boden, auf dem die Rautengestalt sitzt, ist mit feinen, weiß gezogenen Ritzungen übersät, die Sonnen mit Gesichtern, Vögel und geheimnisvolle Diagramme zeigen. Diese Oberflächenbearbeitung erinnert an die antike Technik der Sgraffito-Zeichnung, bei der durch das Einritzen in die obere Farbschicht ein darunter liegender Grund freigelegt wird. Am unteren linken und rechten Bildrand schimmern aus einer wässrigen, bläulichen Tiefe mehrere blasse Antlitze empor, die wie Ertrunkene oder im See ruhende Lemuren wirken – jene römischen Schutz- und Rachegeister der Ahnen. Das Wasser ist nicht nur Element, sondern das Gedächtnis des Ortes, das die verblassenden Gesichter der Vergangenheit aufbewahrt.
Der Kosmos der nächtlichen Einkehr
Die Gesamtschau des Werkes offenbart eine vielschichtige Kosmologie. Nooka Shepherd verzichtet auf eine klassische Perspektive und baut das Bild in vertikal geschichteten Bedeutungsebenen auf. Das Ineinandergreifen von Kerzenlicht, Mondlicht und dem inneren Leuchten der Wesen erschafft eine eigene, zeitlose Sphäre.
Midnight by the Lake mutet wie ein bildgewordenes Grimoire an, ein magisches Lehrbuch, das dem Schauen Raum gibt und die Grenzen zwischen Traum, Ritus und materieller Wirklichkeit fließend hält. Eine stille, vieldeutige Beschwörung der Geister der Nacht.
Über den Künstler
Nooka Shepherd