Das Grab des Osiris

Peter Proksch

1981

Das Heiligtum im Schatten des Sterns

Als Peter Proksch das Blatt Das Grab des Osiris im Jahr 1981 datiert und signiert, vollzieht er eine späte Rückbesinnung auf den ägyptischen Mythos, den bereits die Renaissance-Humanisten um Marsilio Ficino als Urquell abendländischer Weisheit lasen.

Mitten im ausgehenden 20. Jahrhundert, das die Mythen längst in den Anekdotenschatz der Psychologie überführt hatte, setzt der Wiener Künstler eine feingliedrige Mischtechnik dagegen, die den Raum der Erschaffung und Erneuerung streng architektonisch fasst. Der kühle, graphitgraue Fond und die präzise, altmeisterliche Federzeichnung verdichten sich zu einer Bildbühne, die den Übergang zwischen Vergänglichkeit und Wiederkehr als sakrales Ritual inszeniert.

Der Altar der Transformation

Im Zentrum des Bildaufbaus steht eine steinerne Tumba, deren massive Quader dem Betrachter die verlässliche Schwere der Materie präsentieren. Auf dem Rand dieses Steins ruhen Gefäße mit alchemistischenAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. SymbolenDas Symbol ist ein verdichtetes Zeichen, das über seine bloße materielle Erscheinung hinaus auf eine tiefere, transzendente Wirklichkeit verweist. Im hermetischen Kontext ist das Symbol kein willkürliches Abbild, sondern ein „Korrespondenz-Anker“, der die Kraft der bezeichneten Idee in die physische Ebene kanalisiert und so als Brücke zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos fungiert., ein aufgeschlagenes Buch sowie ein Rosenzweig, während links und rechts gewundene Säulen mit brennenden Opferschalen das Feld flankieren. Der auferstehende Gott wendet dem Betrachter den muskulösen Rücken zu, gekrönt von einem Gehörn, und hebt die linke Hand segnend empor, während die rechte ein Werkzeug über die Mitte des Sarkophags führt. Diese kompositorische Anordnung rückt das Handeln der Figuren in den Mittelpunkt und verwandelt das steinerne Grab von einer Stätte des Todes in eine Stätte des Athanors, jenes Ofens der HermetikerDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift., in dem der Stoff geläutert wird.

Die Begegnung der Prinzipien

Dem Gott gegenüber steht eine entblößte weibliche Gestalt, deren wallendes Haar und ruhiger Blick die göttliche Gefährtin Isis verkörpern. In ihren Händen hält sie eine Pinienzapfen-Struktur, das historische Symbol der Unsterblichkeit und der Regeneration. Zwischen den beiden Hauptfiguren ragt eine falkenköpfige Gestalt auf – die Verkörperung des Horus –, die mit erhobenem Zeigefinger das Schweigen gebietet und somit an das altägyptische wie auch neoplatonischeDie philosophische Strömung des Neuplatonismus versteht die Welt als stufenweisen Ausfluss (Emanation) des höchsten, unendlichen Prinzips, dem „Einen“. Sie formte maßgeblich das metaphysische Denken der Spätantike und bildet eine zentrale Brücke zwischen klassischer Philosophie und esoterischer Weltsicht. Gebot des Silentium erinnert. Die Trias bildet ein geschlossenes Beziehungsgeflecht:

  • Osiris als das aktiv gestaltende, solare Prinzip
  • Isis als die empfangende, bewahrende Naturkraft
  • Horus als der verheißene Erbe und Wächter der Mysterien

Das Firmament der Zeichen

Der obere Bildraum wird von einem kosmischen System dominiert, das den irdischen Vorgang spiegelbildlich überhöht. Links schwebt eine verfinsterte, ringförmige Sphäre, während rechts eine dunkle Sonne von einem glühenden Koronakranz umgeben wird. Genau in der Mittelachse, direkt über den erhobenen Händen der Gestalten, strahlt ein dunkler, fünfzackiger Stern innerhalb eines leuchtenden Strahlenkranzes. Diese Gegenüberstellung von Licht und Schatten verweist auf die Lehre der Coincidentia Oppositorum, wie sie Nikolaus von Kues formulierte: Das Zusammentreffen der Gegensätze im Göttlichen. Peter Proksch lässt die Himmelskörper nicht als bloße Kulisse fungieren, sondern als kosmische Uhrwerke, die den Zeitpunkt der magischen Wiederbelebung präzise anzeigen.

Die Poetik der Linie

In der zeichnerischen Ausführung offenbart sich die kompromisslose Handwerkskunst des Künstlers. Jede Muskelpartie, jede Steintextur und jede Flamme ist durch dichte, parallele Schraffuren aufgebaut, die dem Werk die Anmutung eines Kupferstichs aus der Zeit von Albrecht Dürer verleihen. Das Wechselspiel zwischen der hellen Erhöhung der Körper und der dunklen Tonalität des Hintergrunds erzeugt eine Schärfe, die den mystischen Gehalt nicht im Nebulösen belässt, sondern ihn in glasklare Formen gießt. Peter Proksch gelingt damit ein Manifest der Imagination, das den antiken Mythos als zeitloses Diagramm des menschlichen Geistwerdens erfahrbar macht.

Über den Künstler

Peter Proksch

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