Flug der flüchtigen Substanz
Mit dem Gemälde Der Doppelte Mercurius entwirft Peter Proksch ein vielschichtiges Sinnbild jener hermetischenDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. NaturphilosophieDie Naturphilosophie ist eine philosophische Betrachtung der Natur als beseeltes, lebendiges Ganzes. Sie sucht hinter den rein naturwissenschaftlichen Gesetzen nach einem tieferen, oft spirituellen Verständnis der Welt und begreift die Natur als einen Spiegel geistiger Prozesse, wie es etwa in der Tradition der Alchemie oder bei Denkern wie Schelling zum Ausdruck kommt., die im 16. und 17. Jahrhundert in Werken wie dem Rosarium Philosophorum oder den Traktaten des Michael Maier ihren Höhepunkt fand.
Während die Kunst der Moderne den Begriff der Wandlung vorwiegend materiell oder psychologisch deutete, greift der Wiener Maler auf die klassische Ikonografie der Alchemie zurück. Das Werk fängt den flüchtigen Geist des Merkur nicht als abstraktes Gedankengebäude ein, sondern verdichtet ihn in einer dynamischen, farblich nuancierten Szenerie zwischen Himmel und Erde.
Der Ritt auf dem Fabelwesen
Eine blaugetönte, zweigesichtige Gestalt reitet im Damensitz auf einem geflügelten Einhorn mit Löwenhinterteil. In der rechten Hand hält die Figur den rotglühenden Caduceus-Stab, während auf der erhobenen linken Hand eine Schale mit züngelnder Flamme ruht. Das Fabeltier sprengt mit gewaltigem Satz über eine zerklüftete Felsenlandschaft hinweg. Die spitz zulaufenden Flügel und das gewundene Horn des Wesens betonen die Aufwärtsbewegung, während das Doppelgesicht des Reiters – ein antlitzhaftes Janushaupt mit blickender und abgewandter Profilseite – die klassische Natur des Mercurius Duplex offenbart: Er ist zugleich fest und flüchtig, giftig und heilend, männlich und weiblich.
Das Welttheater der Polaritäten
Der Bildraum ist strikt von den zwei großen Lichtern des Kosmos eingefasst. Am linken oberen Bildrand steht der dunkle Mond vor einem von Sternen übersäten Nachthimmel über einem sprießenden Baum, während rechts oben eine flammende Sonne ihr goldenes Licht auf die karge Kulisse wirft.
Die Komposition verbindet das Chthonischechthonisch (altgriech. χθών, „Erde“, „Erdreich“) ist die Bezeichnung für Mächte, Gottheiten und Symbole, die der Erde, der Unterwelt oder der dunklen Tiefe zugeordnet sind. Im Gegensatz zu den lichten, olympischen Himmelskräften repräsentiert das Chthonische das Empfangende, Materielle, Unbewusste und Transformative – in der Alchemie eng verwoben mit der Nigredo und den Wandlungsprozessen der dunklen Materie. mit dem Uranischen und macht die geistesgeschichtliche Idee der Syzygie, der heiligen Paarung der Gegensätze, greifbar:
- Die Mondsphäre als Prinzip der Feuchtigkeit und der kühlen Passivität
- Die Sonnensphäre als Verkörperung des feurigen, aktiv-männlichen Geistes
- Der Reitende als vermittelnde Achse zwischen den Welten
Reliquien der Vergänglichkeit
Unter den Hufeisen des geflügelten Fabelwesens liegt eine arkadische, doch von Verfall gezeichnete Landschaft. Am rechten unteren Bildrand ragt die Ruine eines antiken Rundbaus auf, dessen bröckelndes Mauerwerk an das Motiv des Memento Mori mahnt. Auf den Felsen links stehen edle Gefäße, Kelche und eine Schale bereit, um das herabtropfende Elixier der Transformation aufzufangen. Das Bauwerk verfällt, während die Natur in Form von blühenden Stauden und dichtem Laubwerk das Gestein zurückerobert. Peter Proksch zeigt das Irdische als vergängliche Hülle, die erst durch das Eingreifen der mercurialen Kraft in den Zustand der Tinktur erhoben werden kann.
Die Meisterschaft der Lasur
In der malerischen Ausführung bedient sich der Künstler einer feinen, schichtweisen Öl-Mischtechnik, deren kühle Blau- und Violetttöne im Körper des Reiters und des Fabelwesens intensiv hervortreten. Der Kontrast zwischen den warmen Ockertönen der Felsen und dem tiefen Grün des Hintergrunds erzeugt eine räumliche Tiefe, die dem Geschehen einen entrückten, fast visionären Charakter verleiht. Jeder Pinselstrich gehorcht dem Gesetz der zeichnerischen Präzision und verweigert sich dem flüchtigen Eindruck. Peter Proksch hinterlässt mit diesem Blatt ein Manifest der Reintegration, das die alte Lehre vom hermetischen Kosmos als lebendige, bildhafte Wirklichkeit in die Gegenwart übersetzt.
Über den Künstler
Peter Proksch
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