Rompiendo el Círculo Vicioso

Remedios Varo

1962

Die Entzweiung der Ouroboros-Kordel

Das im Jahr 1962 vollendete Mischtechnikwerk Rompiendo el Círculo Vicioso gehört zu den eindringlichsten Manifesten aus den späten Lebensjahren von Remedios Varo. Entstanden im mexikanischen Exil, dokumentiert das Bild eine Phase intensiver Auseinandersetzung mit der spirituellen Kosmologie von George Gurdjieff - der Lehre des Vierten Weges - sowie der alchemistischenAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. SymbolikDas Symbol ist ein verdichtetes Zeichen, das über seine bloße materielle Erscheinung hinaus auf eine tiefere, transzendente Wirklichkeit verweist. Im hermetischen Kontext ist das Symbol kein willkürliches Abbild, sondern ein „Korrespondenz-Anker“, der die Kraft der bezeichneten Idee in die physische Ebene kanalisiert und so als Brücke zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos fungiert. des Ouroboros.

Eine ätherische, fast koboldhafte Gestalt tritt aus der tiefen Dunkelheit des Hintergrunds hervor. In ihren erhobenen Händen hält sie eine gedrehte Kordel, die einst einen geschlossenen Ring bildete, nun jedoch gewaltsam durchtrennt ist. Diese Zerreißprobe formuliert die fundamentale Absage an die ewige Wiederkehr des Immergleichen.

Das Aufbrechen der alchemistischen Ewigkeit

Die von der Figur gehaltene Schnur zitiert die klassische Metapher der geschlossenen Zirkularität, wie sie im spätantiken Traktat Chrysopoeia der alchemistischen Autorin Kleopatra die Alchemistin überliefert ist. Dort versinnbildlicht die sich selbst in den Schwanz beißende Schlange die Unveränderlichkeit des Stoffkreislaufs.

Varo bricht diese hermetischeDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. Grundannahme auf: Die aufgetrennten Enden der Kordel fransen in den Fingern der Gestalt aus. Dieser mechanische Schnitt symbolisiert die Erlangung von Selbstbewusstsein, das die unbewusste Wiederholung metaphysischer Zwänge verweigert. Das Aufbrechen der Schleife transformiert das zyklische Weltbild der Antike in eine lineare Bewegung der individuellen Befreiung.

Das Herz als intellektueller Hain

Auf der Brust der geheimnisvollen Figur öffnet sich das Obergewand und gibt den Blick auf ein blau leuchtendes Geäst frei. Dieser tiefblaue Wald im Inneren des Torsos fungiert nicht als bloßes Ornament, sondern als bildhafte Umsetzung der neoplatonischenDie philosophische Strömung des Neuplatonismus versteht die Welt als stufenweisen Ausfluss (Emanation) des höchsten, unendlichen Prinzips, dem „Einen“. Sie formte maßgeblich das metaphysische Denken der Spätantike und bildet eine zentrale Brücke zwischen klassischer Philosophie und esoterischer Weltsicht. Idee des Microcosmus. Der Philosoph Paracelsus beschrieb den Menschen als ein Universum im Kleinen, in dem die Gesetze der äußeren Natur spiegelbildlich fortwirken. Das Gewächs im Brustkorb zeigt die Verwurzelung der Vernunft in der organischen Welt. Die Lichtquelle hinter den schwarzen Ästen macht deutlich, dass die Kraft zum Durchbrechen des Zirkels aus der Erkenntnis des eigenen inneren Raumes erwächst.

Die Metamorphose des Korallenkleides

Das Gewand der zentralen Gestalt erweist sich bei naher Betrachtung als eine komplexe Textur aus organischen Krusten, Korallenstrukturen und versteinertem Gewebe. Varo wendete hier eine hochentwickelte Décalcomanie-Technik an, bei der Farbe durch Druck abgehoben wird, um kristalline Verästelungen zu erzeugen. Diese krustenartige Hülle, die auch das zu Füßen hockende vogelartige Fabelwesen teilweise überzieht, steht für die Erstarrung konventioneller Existenzformen. Das Durchtrennen der Schnur initiiert das Abplatzen dieser fossilen Schicht. Die raue, mineralische Oberfläche wandelt sich an den Bruchkanten zu ätherischer Energie, was den Vollzug einer echten Transmutation belegt.

Die Erhebung über die Wiederholung

Das stachelige, strahlenförmig nach oben strebende Haar der Gestalt fängt das Licht wie eine feine Krone aus Elektrizität ein. Zusammen mit den glühenden, katzenhaften Augen verleiht dieses Detail der Figur die Statur einer autonomen Magistra. Rompiendo el Círculo Vicioso erweist sich als visuelles Protokoll einer gelungenen Überwindung der Schicksalsergebenheit.

Remedios Varo verdichtet in dieser Arbeit ihre zeitlebens gepflegte Methode: Durch das präzise Zusammenspiel alchemistischer Allegorien und handwerklicher Akribie wird das Kunstwerk zum Schauplatz einer geistigen Emanzipation, die den ewigen Kreislauf der Determination endgültig auflöst.

Über den Künstler

Remedios Varo

Später Schritt aus dem Schatten An der Schnittstelle von magischem Realismus, Alchemie und Pariser Surrealismus nimmt Remedios Varo (1908–1963) eine Sonderstellung ein: Sie war keine bloße Gehilfin der männlichen Avantgarde, sondern eine feinsinni...

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