Die vier apokalyptischen Reiter

Viktor Michailowitsch Wasnezow

1887

Ein Riss geht durch den Himmel der Orthodoxie.

Viktor Michailowitsch Wasnezow bannt die endzeitliche Vorahnung eines ganzen Jahrhunderts auf die Leinwand.

Der Atem des Sturms

Das Jahr 1887 duldet keine Idylle mehr. Während die offizielle Kirchenmalerei Russlands in süßlicher Nachahmung des Westens erstarrt, greift Viktor Michailowitsch Wasnezow im Zuge seiner Arbeiten für die Kiewer Wladimirkathedrale nach dem Ungeheuerlichen. Sein Werk Die vier apokalyptischenDie Apokalyptik (griech. ἀποκάλυψις apokalupsis für „Enthüllung“) beschreibt das Offenbaren verborgener, göttlicher Geheimnisse und den Endkampf zwischen Licht und Finsternis. Während sie biblisch das kosmische Gericht verkündet, deutet die Hermetik den apokalyptischen Weltenwandel symbolisch: als alchemistischen Läuterungsprozess, in dem die materielle Hülle zerbricht, um das innere, göttliche Licht des Menschen freizusetzen. Reiter ist kein Altarbild, es ist eine geschichtsphilosophische Entladung. Es fängt jenen Moment ein, in dem die Zeit in die Ewigkeit umbricht. Die Leinwand atmet die Schwüle einer Epoche, die spürt, dass ihre Fundamente weichen. Es ist die heraufziehende Krisis eines Reiches, das sich zwischen sakraler Sendung und modernem Abgrund verliert.

Das Quartett der Verdammnis

Vier Gestalten teilen die Finsternis. Wasnezow bricht mit der statischen Ikonographie der Ostkirche und wählt stattdessen eine dynamische Diagonale, die den Betrachter schier umwirft. Voran jagt der weiße Reiter, die Krone auf dem Haupt, den Bogen gespannt. Ihm folgt der rote Reiter, der das große Schwert gen Himmel reckt, Sinnbild des Brudermordes. Doch es sind die beiden hinteren Gestalten, die das Grauen vollenden. Der schwarze Reiter, mager wie das Skelett der Hungersnot, wiegt die Waagschalen des Mangels. Ganz hinten, fahl wie verrottendes Holz, reitet der Tod. Er ist kein stolzer Krieger, sondern eine grimassenhafte Kreatur, die mit einer Sense das Erntefeld der Menschheit abmäht. Unter ihren Hufen versinkt die Erde in einem Strudel aus Leibern und Rauch.

Vom Sabbat des Geistes

Diese Bilderwelt fällt nicht vom Himmel; sie wurzelt im Erbe von Albrecht Dürer und dessen berühmtem Holzschnitt aus dem Jahr 1498. Doch während der Nürnberger Meister die Apokalypse als präzises, fast handwerkliches Uhrwerk des göttlichen Zorns zeichnete, taucht Wasnezow die Szene in ein visionäres Licht, das an die Schriften von Jakob Böhme erinnert. Es ist die Darstellung des Ungrundes, jenes Ur-Abgrunds, aus dem Licht und Finsternis gleichermaßen brechen. Die Reiter sind bei Wasnezow keine äußeren Strafgerichte, sondern die entfesselten Naturkräfte einer Menschheit, die Gott vergessen hat. Sie gleichen den astralischen Wesenheiten, wie sie später in der Theo- und Anthroposophie eines Rudolf Steiner als Ausdruck des kosmischen KarmaKarma ist das universelle Gesetz, nach dem jede Handlung – physisch wie geistig – unausweichlich eine entsprechende Wirkung nach sich zieht. Das Individuum ist in einer ununterbrochenen Kausalkette des Handelns an den Kreislauf von Ursache und Wirkung gebunden. beschrieben wurden.

Die Farben der Verwesung

Die Palette des Malers meidet den Glanz. Wasnezow nutzt matte, erdige Töne, die an verblasste Fresken erinnern, durchbrochen von einem giftigen, phosphoreszierenden Grün. Dieses Licht ist nicht von dieser Welt. Es ist das Leuchten der Fäulnis, das auch die Visionen des Johannes auf Patmos durchzieht. Der Himmel ist kein schützendes Firmament mehr, sondern eine brennende Schriftrolle, die sich zusammenrollt. Jeder Pinselstrich verweigert die gefällige Glätte der akademischen Kunst. In dieser Textur zeigt sich eine Verwandtschaft zu William Blake, der ein Jahrhundert zuvor die biblischen Mythen mit einer ähnlich rohen, fast magischen Energie auflud, um das Geistige gegen den Materialismus der Aufklärung zu verteidigen.

Das Menetekel der Moderne

Wasnezow blickt tiefer als seine zeitgenössischen Kollegen, die sich im Realismus der Peredwischniki, der Maler des Volkslebens, erschöpften. Er begreift, dass die Katastrophe im Inneren beginnt. Sein Bild ist die bildgewordene Absage an den Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts. Es verkörpert das Konzept der Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen, die in der russischen Seele stets lebendig war. Hier kündigt sich bereits jene düstere Vorahnung an, die wenig später Wladimir Solowjow in seiner Kurzen Erzählung vom Antichrist formulieren sollte. Das Kunstwerk wird zum Seismographen. Es zeigt nicht, was war, sondern was kommt, wenn der Mensch die Ordnung des Kosmos verletzt.

Über den Künstler

Viktor Michailowitsch Wasnezow

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