Der Schrecken der Wiedererkennung
Die Wahrnehmung vollzieht in der Begegnung mit Ritual einen unumkehrbaren Kippmoment. Sobald die Sehschärfe die scheinbare Abstraktion durchbricht, offenbart sich die Bildfläche nicht länger als vegetatives Gefüge, sondern als Verdichtung nackter, männlicher Oberkörper. Die emporgereckten Arme und die in den Nacken geworfenen Gesichter schälen sich mit einer beunruhigenden Deutlichkeit aus dem Bildgrund.
Ist die menschliche Form einmal identifiziert, verweigert sie sich jeder Rückkehr in die reine Gegenstandslosigkeit. Der Effekt gleicht dem Phänomen der Pareidolie, bei dem das Auge in diffusen Strukturen zwingend anthropomorphe Muster erkennt, doch greift diese Erklärung zu kurz. Die Zeichnung der Muskelstränge, der Achselhöhlen und der angespannten Halssehnen besitzt eine präzise anatomische Substanz, die das Prinzip des hermetischenDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. Analogismus spiegelt: Wie im Makrokosmos der schattigen Wälder, so im Mikrokosmos des menschlichen Fleisches.
Die Brechung des photographischen Blicks
Die Abbildung bewahrt in ihrer inneren Logik die Spur eines mechanischen Bildzeugnisses. Es wirkt, als läge dem Gemälde eine photometrische Erfassung zugrunde – eine Momentaufnahme menschlicher Anspannung, die nachträglich einem Prozess der stilistischen Entfremdung unterzogen wurde. Xie Lei nutzt hier ein Verfahren, das an die Solarisation oder die fotochemischen Experimente der Avantgarde erinnert, bei denen Licht- und Schattenwerte im Entwicklungsprozess umgekehrt wurden.
Diese visuelle AlchemieAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. wandelt die bloße Materie der Haut durch schichtenweisen Farbabtrag und transparente Cyan-Lasuren in ein spirituelles Ätherkleid um. Die kühle Schärfe einer Linse trifft dabei auf den hermetischen Begriff des Pneuma, jenes feinstofflichen Lebenshauches, der hier durch das giftige Leuchten der Töne künstlich gebunden und erstarrt scheint.
Evokation und ekstatische Entäußerung
Die Haltung der Körper – das synchrone Aufragen der Torsi, die gestreckten Gliedmaßen und die gen Himmel gerichteten Antlitze – zitiert das Motiv der Ekstase in seiner ursprünglichen Bedeutung als Herausströmen aus dem eigenen Sein (ek-stasis). Diese Körpershaltung gleicht der klassischen Invokationsgeste antiquarischer GrimoiresGrimoires sind Zauberbücher, die Anleitungen für magische Rituale, Beschwörungen sowie Rezepte enthalten. Der Begriff leitet sich vom französischen Wort für Grammatik ab. Obwohl sie auf antike Vorbilder zurückgehen, verbreiteten sie sich vor allem vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert., in denen das Emporstrecken der Arme den Kanal zwischen der irdischen Sphäre und den oberen Welten schlägt.
Durch die künstliche Farbigkeit wird dieser magische Vollzug augenblicklich eingefroren. Die Erhebung der Arme schwankt in ihrer Aussageabsicht zwischen triumphaler Anrufung, Verzweiflung und stummem Ergeben. Die entindividualisierte Masse der Leiber wandelt sich zu einer kollektiven Egregor-Gestalt, einem energetischen Feld, in dem das einzelne Ego zugunsten eines übergeordneten, okkultenOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. Formwillens ausgelöscht wird.
Die hermetische Metamorphose
Die Umwandlung des fiktiven Photos in eine malerische Textur hebt das Werk aus der bloßen Momentaufnahme heraus und überführt es in ein historisch aufladbares Signal. In den kunsttheoretischen Schriften von Roland Barthes wird dem Photo stets ein unumstößliches „Es-ist-so-gewesen“ (ça-a-été) zugeschrieben. Indem Xie Lei dieses photographische Fundament mit den Mitteln der Ölmalerei auflöst, entzieht er der Szene ihre profane zeitliche Fixierung und vollzieht eine Transmutation im Sinne der alchemistischenAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. Tradition.
Das Physische stirbt in seiner weltlichen Gestalt ab, um als chthonischeschthonisch (altgriech. χθών, „Erde“, „Erdreich“) ist die Bezeichnung für Mächte, Gottheiten und Symbole, die der Erde, der Unterwelt oder der dunklen Tiefe zugeordnet sind. Im Gegensatz zu den lichten, olympischen Himmelskräften repräsentiert das Chthonische das Empfangende, Materielle, Unbewusste und Transformative – in der Alchemie eng verwoben mit der Nigredo und den Wandlungsprozessen der dunklen Materie. Sinnbild neu aufzuerstehen. Die erstarrten Männerleiber stehen nicht mehr für einen einzelnen Augenblick der Entblößung, sondern verharren als konservierte Chiffren eines zeitlosen, initiatischen Mysteriums im smaragdenen Zwischenreich der Leinwand.
Über den Künstler
Xie Lei