Das Buch der imaginären Wesen – Buchcover

Das Buch der imaginären Wesen

1957
Originaltitel: „Manual de zoología fantástica“
Dieses Bestiarium versammelt in kurzen Einträgen Beschreibungen fantastischer Kreaturen aus unterschiedlichsten mythologischen, literarischen und religiösen Überlieferungen der Weltgeschichte.
bei Amazon Suche im ZVAB
Dieses Bestiarium versammelt in kurzen Einträgen Beschreibungen fantastischer Kreaturen aus unterschiedlichsten mythologischen, literarischen und religiösen Überlieferungen der Weltgeschichte.
bei Amazon Suche im ZVAB

Werk und Inhalt

Ein Inventar des Unmöglichen: Jorge Luis Borges und „Das Buch der imaginären Wesen“

Jorge Luis Borges, der blinde Bibliothekar aus Buenos Aires, hegte eine lebenslange Vorliebe für die Ränder des Wissens, für jene Zonen, in denen die Zoologie in die Mythologie übergeht. Sein 1957 erstmals unter dem Titel Manual de zoología fantástica – später erweitert als El libro de los seres imaginarios – publiziertes Werk ist kein wissenschaftlicher Bestiarium, sondern ein literarisches Kompendium der ontologischen Grenzfälle. Es versammelt jene Kreaturen, die der Mensch in den Spiegeln seiner Fantasie, der Angst oder der metaphysischen Spekulation erblickt hat. Borges nähert sich diesen Entitäten mit der Präzision eines Archivars und der ironischen Distanz eines Mannes, der weiß, dass die Wahrheit einer Legende oft schwerer wiegt als die nackte biologische Tatsache.

Die Anatomie der Chimären

Das Buch ist eine alphabetisch sortierte Ansammlung von Kurzporträts, die von der antiken Mythologie bis zur modernen Science-Fiction reicht. Borges referiert aus einer Vielzahl von Quellen: von Plinius dem Älteren über Kafka bis hin zu den heiligen Texten des Ostens. Es ist eine Parade der Hybride, in der das Einhorn neben dem Golem steht und der Phönix seine Kreise über den drachenähnlichen Ahuizotl aus Zentralmexiko zieht.

Dabei verzichtet der Autor auf eine moralisierende Einordnung; er präsentiert die Wesen als Zeugnisse menschlicher Schöpfungskraft. Dass er auch den „Odradek“ aus Kafkas Erzählung Die Sorge des Hausvaters miteinbezieht, unterstreicht seinen Blick für das Unbehagen, das jenseits der klassischen Monster lauern kann.

Zwischen Theologie und Phantastik

Für den okkultistischOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. Interessierten bietet das Werk eine faszinierende Lektüre, da es aufzeigt, wie tief die imaginäre Zoologie in spirituelle und kosmologische Weltbilder eingewebt ist. Borges erwähnt beispielsweise das Simurgh, jenen persischen Vogel von unendlicher Weisheit, oder die verschiedenen Hierarchien von Engeln und Dämonen, die in der kabbalistischenKabbala (hebr. קַבָּלָה „Empfang“, „Überlieferung“) bezeichnet das jüdisch-mystische System der Weltdeutung. Als „Landkarte“ des göttlichen Emanationsprozesses nutzt sie den Lebensbaum (Etz Chaim), um die Ebenen des Daseins zu strukturieren und den Aufstieg der Seele nachzuvollziehen. → Abgrenzung: In der westlich-okkulten Esoterik wird die universell adaptierte, synkretistische Form als Qabalah bezeichnet. Tradition ihre feste Ordnung haben.

Er behandelt diese Entitäten nicht als bloße „Erfindungen“, sondern als notwendige Korrektive zur wahrnehmbaren Realität. Es ist diese feinsinnige Balance, in der Borges den Leser daran erinnert, dass ein Wesen, an das man glaubt, in einem symbolischen Sinne ebenso real ist wie jedes Tier, das man im Zoo hinter Gittern besichtigen kann.

Das Prinzip der Lückenhaftigkeit

Ein wesentliches Merkmal des Werkes ist die bewusst betriebene Unvollständigkeit. Borges hegt keinen Anspruch auf ein finales Lexikon; er weiß, dass das Reich des Imaginären so grenzenlos ist wie das menschliche Unbewusste. In seinen knappen Einträgen lässt er oft Raum für das Unausgesprochene, für das Geheimnis, das den Wesen innewohnt. Er zitiert Quellen oft nur fragmentarisch, als wollte er den Leser dazu anregen, selbst in die labyrinthischen Bibliotheken der Geschichte hinabzusteigen. Es ist ein Buch für den Suchenden, der nicht nach einer definitiven Antwort verlangt, sondern nach einer Erweiterung seines phantastischen Horizonts.

Zur Lektüre des Bestiariums

Wer dieses Buch aufschlägt, sollte keine methodische Abhandlung über okkulteOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. Wesen erwarten, sondern eine Einladung zum intellektuellen Flanieren. Es ist ein Werk für den Historiker des Geistes ebenso wie für den Liebhaber der literarischen Form, die in wenigen Sätzen ein ganzes Weltbild zu kondensieren vermag. Borges’ Tonfall bleibt stets sachlich, beinahe nüchtern, was die bizarren Details der beschriebenen Kreaturen umso eindrücklicher hervortreten lässt.

Es ist, als würde man einem sehr gelehrten, aber niemals belehrenden Geist lauschen, der beim Tee aus vergessenen Manuskripten vorliest und dabei leise lächelt über die Absurdität, mit der wir Menschen versuchen, die Welt zu kategorisieren – selbst dann, wenn wir sie selbst erfunden haben.