Gebet und Fluch, Zeichen und Traum – Buchcover

Gebet und Fluch, Zeichen und Traum

Aspekte religiöser Kommunikation in der Antike

2001
„Geschichte ist das, was wir daraus machen, und Überlieferung das, was uns erhalten geblieben ist.“
Kai Brodersen ediert antike Magie als Ritus, der durch Gebet und Fluch das Schicksal aktiv formen wollte.
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„Geschichte ist das, was wir daraus machen, und Überlieferung das, was uns erhalten geblieben ist.“
Kai Brodersen ediert antike Magie als Ritus, der durch Gebet und Fluch das Schicksal aktiv formen wollte.
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Werk und Inhalt

Zwischen den Welten liegt das Wort

Kai Brodersen versammelt in dieser Edition jene Stimmen, die den feinen Rissen nachspüren, durch welche das Unaussprechliche in den Alltag der Antike einsickerte.

Die Macht der Bindung

Ein Fluch ist mehr als ein bloßes Wort der Missgunst. In der Welt der griechischen und römischen Antike wurde das gesprochene Wort zur physischen Tat. Wer eine defixio – eine Verwünschungstafel – in den Boden eines Grabes versenkte, wollte die Gottheiten der Unterwelt in eine verbindliche Pflicht nehmen. Die Sprache fungierte hier als Werkzeug, um das Schicksal eines Widersachers durch eine rituelle Magie zu binden, die weder Gnade noch Umkehr kannte.

Das Gebet als Vertrag

Dem gegenüber steht die Bitte an das Göttliche. Das Gebet der antiken Welt ist kein demütiges Flehen, sondern ein rechtlich grundiertes Ersuchen, ähnlich einem Vertrag zwischen zwei Parteien. Wer den Göttern opferte, erwartete eine Gegenleistung. Diese Reziprozität durchzieht das gesamte Denken der Zeit. Nicht der Glaube, sondern die korrekte Durchführung des Ritus garantierte den Erfolg. Ein falsches Wort oder eine ausgelassene Geste konnte die gesamte Verbindung zum Heiligen gefährden.

Gefäße der Transzendenz

Als Herausgeber der vorliegenden Schrift gelingt es Brodersen, die philologische Akribie eines Wilamowitz-Moellendorff in den Dienst eines breiteren Verständnisses zu stellen. Wie jener die griechische Tragödie aus ihrem kultischen Boden hob, so bettet Brodersen hier die flüchtigen Zeichen der Alltagskultur in die Geistesgeschichte ein. Die Tafeln und Amulette sind keine Kuriositäten. Sie sind Zeugnisse eines Menschenbildes, das sich stets in einer instabilen Umgebung wähnte, in welcher das Jenseits nicht fern, sondern unmittelbar unter der Oberfläche der Welt verborgen lag.

Echo ferner Zeiten

Verwandte Geister finden sich in der Dokumentation des magischen Papyri-Schatzes, der uns zeigt, wie sehr sich die antike Kosmologie mit der menschlichen Not verschränkte. Auch die spätere Überlieferung der ZauberbücherGrimoires sind Zauberbücher, die Anleitungen für magische Rituale, Beschwörungen sowie Rezepte enthalten. Der Begriff leitet sich vom französischen Wort für Grammatik ab. Obwohl sie auf antike Vorbilder zurückgehen, verbreiteten sie sich vor allem vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert., wie sie etwa im Picatrix kulminiert, atmet denselben Geist der absoluten Wirksamkeit des Zeichens. Die Grenze zwischen dem Segen, der bewahrt, und dem Fluch, der zerstört, war in der Vorstellungswelt stets durchlässig.

Die Sprache der Leere

In der kargen Überlieferung, welche die Beiträger in dieser Sammlung erschließen, offenbart sich eine tiefe Einsamkeit. Der Mensch, der seinen Fluch in Blei ritzte, vertraute auf eine Ordnung, die wir heute kaum noch zu lesen vermögen. Die Philologie dient hier nicht nur der Entschlüsselung von Zeichen, sondern der Wiederherstellung eines Verständnisses für eine Welt, in der Sprache nicht beschrieb, sondern gestaltete. Wer die von Brodersen kuratierte Sammlung liest, hört das Echo eines längst verstummten Dialogs.