Werk und Inhalt
Zum Geleit
Die nachfolgenden Seiten stammen aus privaten Aufzeichnungen des Archivars, fixiert vor vielen Jahren, lange genug vor der Grundsteinlegung dieses Archivs. Sie entstanden aus einem Nukleus aus wahren Erlebnissen und dokumentieren den unkontrollierten Einbruch jener Phänomene, die erst durch die spätere Schulung nach Franz Bardon und die Struktur der analytischen Psychologie ihre Integration fanden. Für den heutigen Leser zur Warnung und PhänomenologiePhänomenologie (griech. φαινόμενον phainómenon „das Erscheinende“ und lógos „Lehre“) ist die philosophische Methode, die Welt so zu untersuchen, wie sie sich dem Bewusstsein unmittelbar zeigt. Sie zielt darauf ab, die Strukturen der Erfahrung selbst zu erfassen, frei von metaphysischen Vorannahmen, und bildet damit das notwendige Werkzeug, um subjektive spirituelle Erlebnisse objektiv zu reflektieren. hinterlegt.
Quidquid excessit modum, pendet instabili loco.
(Seneca, Oedipus)
Gibt es Kräfte, wohlgesinnte oder schlechte, die in unser Leben eindringen wollen, während unser Bewusstsein schwach und wehrlos ist? Oder gerade dann, wenn wir aufmerksam und empfänglich sind? Gibt es Wesenheiten, die in unser Dasein drängen?
Nebel der Vergangenheit
In meinen Jugendjahren hatte ich dem Übersinnlichen nachgespürt, neugierig mit der Dunkelheit gespielt, obskure Bücher verschlungen, spekuliert, Séancen abgehalten und schließlich jene abseitige Welt nach einer wahnsinnigen Nacht vollständig aus meinem Leben verbannt. Ich bekehrte mich zum unbedingten Rationalismus und redete mir Deutungen ein, wonach ein schockierter Geist für irrationale Erklärungen empfänglicher sei. Jene Bücher warf ich in die finsterste Ecke des Kellers. Es dauerte Jahre, die aufgewühlten Gedanken zu ordnen, schließlich abzustreifen und dem Nebel der Vergangenheit zu überlassen.
Im dunklen Rauschen
Unsere Sinne versorgen uns mit Daten und unser Verstand verarbeitet sie unpräzise. Es gibt nächtliche Täuschungen des Hörsinns, wenn sich Lebendiges aus der Totenstille kristallisiert, Bewegungen, die aus dem schwarzen Nichts unseren Sehsinn blenden, welcher, seines Elements, des Lichtes beraubt, im dunklen Rauschen liest und Kreationen aus Kreisen, Rotationen und Figuren folgt. Es tragen sich vor dem Einschlafen Seltsamkeiten in der Schwärze des Raumes zu.
Am erstaunlichsten sind Empfindungen, wenn sie uns anfassen aus der Dunkelheit, in der wir uns allein wähnen. Vor wenigen Wochen ergriff mich eine nächtliche Empfindung, die von außen zu kommen schien. Ich lag rücklings mit dem Gesicht zur Zimmerdecke, Arme und Beine sanken schwerer in die Laken, meine Augen fielen zu und Gedanken des Alltags glitten ins Traumhafte. Da senkt sich zwischen die Augen fast unmerklich ein kreisrunder, leichter, doch stetiger Druck gegen die Haut. Als setzte sich ganz sacht eine Daumenspitze auf und verharrte. Nun war ich hellwach.
Wie töricht, wie absurd
Ich spürte der Sinnestäuschung nach, die sich graduell verstärkte bis zur Empfindung, dieses Nichts könne einen Abdruck hinterlassen, würde es länger verharren. Es wurde noch intensiver. Ich wischte mit der Hand über mein Gesicht, zugleich überrascht und bestätigt, denn dort war nichts außer meiner Stirn und der mich umgebenden Luft in der Schwärze des Raumes.
Das Etwas zwischen den Augen wich augenblicklich, Entspannung kehrte ein und mit ihr legte sich der unsichtbare Daumen erneut zwischen die Augen. Erstaunlicher Effekt. Ich spielte mit dem Gedanken, ob da ein Ding über mir sei, das mich berührte. Aus dem Gedanken wurde Furcht. Wie töricht, mir selbst Angst einzujagen. Und wie absurd es wäre, mir erneut über die Stirn zu wischen. Vielleicht den Kopf zur Seite legen – es ging nicht. Mein Kopf rührte sich nicht. Ich wischte mit der Hand über mein Gesicht, drehte mich zur Seite und schlief ein.
Mein Bekannter Henry
Mein Bekannter Henry lachte herzlich, aber mein morgendlicher Gang zum Arzt war ein Gebot der Vernunft, jedenfalls keine Hypochondrie. Man kennt als Laie weder sämtliche Krankheiten noch alle merkwürdigen Ausprägungen. Es mochte sich um eine Lappalie handeln, trivial zu kurieren.
Nach der Schilderung des Symptoms zeigte sich mein Arzt ganz unverhohlen ratlos. An Krankheiten sei kein Mangel in der Welt, doch gebe es in der Literatur für eine pressura frontis keinerlei Beispiel. Und nicht jedes Symptom verweise auf ein pathologisches Geschehen. Eine Schlafparalyse käme womöglich in Betracht, damit begebe er sich, freilich ungern, auf das Gebiet der medizinischen Exotik. Also ersparte ich diesem Manne der Wissenschaft meine kindischen Spekulationen um gespenstische Berührungen.
Des Nachmittags traf ich Henry im Kaffeehaus an, wo er mir mehr über mein seltsames Leiden entlocken wollte. Von Leiden könne nicht die Rede sein. „Aber Jean“ versetzte Henry, Besorgnis mimend. Halluzinationen seien doch nicht Nichts, sondern vielmehr etwas höchst Amüsantes. Nach meiner Kaffeetasse greifend, erwiderte ich beiläufig, nicht jede Sinnestäuschung sei eine Halluzination. Henry schwor indes feierlich, noch niemals eine auch nur irgendwie geartete Geistesverwirrung erlebt zu haben. Ein Bein über das andere schlagend, bekannte er jedoch freimütig seine Aufgeschlossenheit gegenüber all den unterhaltsamen Dingen zwischen Himmel und Erde.
Die Lampe nicht brennen zu lassen
Des Abends gedachte ich, eine Lampe im Schlafzimmer brennen zu lassen, aber ich tat es nicht. Es war gewissermaßen meine wissenschaftliche Neugier geweckt. Ich ging zu Bett, löschte das Licht, ließ mich innerlich fallen und lauschte gespannt auf meine Sinne. Kein Druck senkte sich zwischen die Augen. Der unsichtbare Daumen ließ mich im Stich. Nicht ohne Enttäuschung sank ich in traumlosen Schlummer.
Des Nachts, etwa ein Uhr, schrie ich auf in der Düsternis meines Zimmers. Geschüttelt vom Grausen der Gewissheit, dass ein rüdes Pressen gegen die Stirn mich geweckt habe.
Mein Arm ruderte nach der Nachtlampe, die Hand fand den Schalter nicht. Aus der Finsternis schälten sich Bewegungen. Das schwarze Rauschen rings umher drohte, sich zu strukturieren. Ein verschattetes Netz pulsierte im Raum, wie Scharten im Eis, durch deren Spalten hier und dort ein Lichtstrahl drängt. Was mich umgab, war nicht mehr die Schwärze, es wogte ein Gewebe aus Rissen in der Dunkelheit. Schon lösten sich Fetzen des Lichts und krochen ausgestreckten Fingern gleich heran. Endlich erreichte ich den Lichtschalter, zögerte aber. Was konnte ich ertragen zu sehen? Optische Täuschungen in der Dunkelheit oder haarsträubende Realität? Der Schalter klickte, das Zimmer erschien, nichts weiter.
Zu Studienzwecken
Die Abende verliefen nun anders. Erinnerungen waren geweckt und die Schlaflosigkeit kehrte zurück. Ich verbrachte Nächte bei brennender Lampe. Was zu verdrängen ich mir vorgenommen hatte, pochte am Tor des Bewusstseins. Meine Gedanken bedurften der Ordnung. Um das Grübeln geordneteren Bahnen zuzuführen, erinnerte ich mich der alten Bücher. Sie lagen noch immer dort unten im Keller. Vielleicht würde etwas Lektüre mich davon überzeugen, wie lächerlich dieses übersinnliche Zeug schon damals gewesen war. Ich stapfte nach unten, holte die okkultenOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. Schwarten aus dem dunklen Winkel im Souterrain zu mir herauf, platzierte sie auf dem Schreibtisch, wo sie liegenblieben. Sie aufzuschlagen, fehlte mir womöglich der Mut.
Henry erschien in diesen Tagen auf einen seiner spontanen Besuche, die so unregelmäßig wie ungelegen kamen. Sogleich bemerkte er den Stapel suspekter Bücher, ergriff das Erste, welches ihm unter die Hände kam und pfiff halblaut durch die Zähne: „Wer hätte dir das zugetraut...“
„Zu Studienzwecken.“
Er blätterte weiter. „Wie man Seelen von Toten ruft. Junge, Junge.“
„Klapp es zu und leg es weg. Ich bin gleich wieder bei dir, dann gehen wir ins Kaffeehaus.“
„Warum nicht hier bleiben? Du besitzt interessantes Spielzeug.“
„Du sagst es, Spielzeug. Dich wird es bald langweilen.“
Du weißt noch gar nicht
„Langeweile ist das einzige, wovon ich niemals genug bekomme. Und wie sich erweist, hast du eine Menge davon zu bieten.“
„Ich verspreche dir, im Kaffeehaus findest du mehr davon. Karl ist von seiner Reise zurück.“
„Karls Reiseerzählungen wären heute zu aufregend für mich. Und wozu die Umstände? Hier bei dir genieße ich den bei weitem erstaunlicheren Ennui. Wie spricht dein Wälzer: ‚Man stürze das Glas verkehrt auf die Tischplatte inmitten des Buchstabenkreises.‘ Sei nicht faul, hol Stift und Papier. Ach ja, und ein Glas, das ich leeren kann, bevor wir es stürzen.“
„Diesen albernen Aberglauben kann kein Mensch für bare Münze nehmen.“
„Dem Abseitigen sollten wir stets mit feierlichstem Ernst begegnen. Um so wichtiger daher, dass wir uns buchstabengetreu an deine Gebrauchsanleitung aus der Hölle halten.“
„Du weißt noch gar nicht, wie wenig du das willst.“
„Ach Griesgram, schon wieder diese unlustige Laune. Höchste Zeit, dass du etwas erlebst. So wahr mein Name Lord Henry Wotton ist, werden wir deinen obskuren Schriften heute Abend entlocken, was hinter der grauen Theorie steckt.“
„So spricht der Arglose.“
„Es steht zu befürchten, dass bald ein trauriger Rest deines Humors deiner Beerdigung als alte Jungfer beiwohnt.“
„Dann gestatte mir einen letzten Wunsch und begleite den Moribunden ins Kaffeehaus.“
Nicht in der Zeit, sondern in dem Moment
„Für heute lass mich dein Arzt sein. Ich verordne dir häusliche Ruhe und eine langweilige Séance. Vielleicht beenden wir so dein Dasein als lebender Toter. Seit wann habe ich übrigens die Ehre deiner Bekanntschaft?“
„Wenn ich es recht bedenke, weiß ich das nicht mehr so genau. Insofern, seit ich denken kann.“
„Genug Zeit also, ausreichend Vertrauen in mich zu setzen, kann ich da nur sagen.“
„Deine Gesellschaft versetzt mich allenfalls in die Lage, dieser Behauptung eine Antwort deiner Manier zu bieten: Vertrauen entsteht nicht in der Zeit, sondern in dem Moment einer neuen Begegnung.“
„Spricht der Mann, der sich nicht an unsere Begegnung erinnert. Aber nicht doch, es ist gut so. Ich danke der Vorsehung, dass jener Moment aus deinem Gedächtnis entfallen ist. Und nun: Lass uns diesen Tisch räumen! Wir werden ihn seiner eigentlichen Bestimmung zuführen. Nein, besser, seiner letzten Bestimmung,“ lachte er albern.
Im Grunde beneidete ich Lord Henry um seine Leichtigkeit in allem. Gut, er sollte seine Mummenschanz-Séance erleben. Ohne den rechten Ernst bei der Sache würde sich das Glas ohnehin keinen Millimeter bewegen. Über das gelackte Holz breiteten wir einen kräftigen Papierbogen aus, welchen Henry liebevoll mit einem Kreis aus kalligraphisch-schmuckvollen Buchstaben versah, indessen ich zwei Drinks mischte. Dazu ein besonderes Glas für ein Geistwesen, dem ich den Eintritt mit jeder meiner Fasern verwehren würde. So saßen wir uns denn gegenüber. Draußen sank das Tageslicht.
Was beginnen wir?
„Was beginnen wir nun?“ blinzelte Henry lächelnd durch das halbdunkle Zimmer.
„Jeder von uns legt einen Finger auf das Glas in der Mitte.“
„Wie der Meister befiehlt. Und nun?“
„Du hast nicht sehr aufmerksam in dem Buch gelesen, nicht wahr?“
Doch Henrys Antwort überraschte mich: „Geist, falls du anwesend bist, so gib uns ein Zeichen.“
„Du bist begabt, Henry.“
„Ich trage mich mit dem Gedanken, es zu meiner Profession zu machen“, verkündete er albern gravitätisch.
Wir wiederholten abwechselnd die Anrede an die Toten, doch ohne Reaktion, ganz wie von mir beabsichtigt.
„Wie du siehst, Henry, werden wir uns damit abfinden müssen, dass dieser Aberglaube nicht funktioniert.“
Missmutig blickte er über den Tisch und versetzte: „Jean, du lässt es an aufrichtigem Ernst für die Sache fehlen.“ Seine Gesichtszüge waren jetzt hart. „Vielleicht lässt du dich herab, unser kleines Ereignis nicht fortwährend zu sabotieren.“
Dem wollte ich endgültig ein Ende machen: „Du siehst das ganz richtig. Ich möchte nicht, dass sich etwas ereignet.“
„Du wähnst in deiner matten Selbstverständlichkeit, mir damit einen Gefallen zu tun?“
„Nein Henry, ich weiß es.“
Aber jetzt bist du hier
„Wir spielen keine Kinderpiele, Jean!“
Meine Irritation verstärkte sich zunehmend. Vergewissernd wandte ich mich zu ihm: „Wo bleibt deine vertraute Leichtigkeit, Henry? Du hast mir bislang einen anderen Eindruck vermittelt.“
„Ich weiß, welchen Eindruck ich auf dich gemacht habe,“
„Wie es scheint, nimmst du meine Vergesslichkeit bezüglich unserer ersten Begegnung nicht auf die leichte Schulter.“
„Mein Freund, mein lieber Freund! Unsere Bekanntschaft ist gravierender, als du dir eingestehst. Nie hat dich meine Anwesenheit verwundert. Du hast niemals Fragen gestellt.“
„Vielleicht war ich doch mehr mit mir selbst beschäftigt. Es gab, es gab Dinge. Dinge die...“
„...die verdrängt werden mussten“, fuhr Henry für mich fort. „Hier drin, hinter deiner Stirn, zwischen deinen Augen, spielt sich ein Kampf ab. Ein existentielles Ringen ist es wahrlich. Deshalb fragtest du niemals, wie ich in dein Leben trat, woher ich bin.“
„Henry, das...“
„Du spielst tagelang mit eingebildeten Kreationen deiner Gedanken und redest dir ein, mit dir allein zu sein.“
„Aber jetzt bist du hier“, dennoch zögerte ich, den logischen Schluss zu ziehen. Nein, ich war wieder verwirrt und Henrys kalter Ton trug dazu bei:
„Ich bin hier, Jean, seit du mich gerufen hast. Ich folgte deinem Ruf für einen Abglanz von Leben, den Bruchteil einer Existenz, für ein Entkommen aus dem schwarzen Nichts.“
Mir wurde schwindlig.
Henry fasste mich fest in seinen entseelten Blick: „Du weißt, wann wir uns zum ersten Mal begegneten.“ Seine Augen blickten starr über unser Arrangement auf dem Tisch. Das Glas, unberührt, glitt über die kunstvoll geschwungenen Zeichen. Ich folgte dem fassungslos.
Aus den Lettern formte sich eine unmissverständliche Botschaft: HIER. Mir wurde übel. Henrys Miene gefror zur eisigen Maske. Er stand auf, nein, er wuchs empor, bewegte sich aufrecht wie ein steinernes Idol um den Tisch und hielt vor mir inne.
„Heute Nacht“, flüsterte er und legte mir seinen Daumen auf die Stirn. Dieser materielose Druck zwischen meinen Augen. Er verstärkte sich bis unter die Schädeldecke. Ich wollte zurückweichen, aber Henrys Hand und meine Stirn wurden mir ununterscheidbar. „Dieses Mal“, hörte ich Henrys Stimme, „versagst du mir nicht den Eintritt in mein Leben.“
Unter der kalten Hand, im Strudel meiner Gedanken, die nichts mehr begriffen als die Auflösung meines Ichs, riss ich das Glas vom Tisch und schleuderte es kaum meiner Sinne mächtig gegen die Wand. Tausend glitzernde Splitter durchstieben wie glühende Funken mein Empfinden, mein Innerstes, meine Realität. Wie lange saß ich noch, verwirrt, allein an meinem Tisch? War es noch dunkel oder bereits wieder hell?