Werk und Inhalt
Das Drama der Mythenkritik
Die Idee eines historischen Jesus von Nazareth zerbricht in Arthur Drews’ Radikalkritik an den logischen Widersprüchen der synoptischen Evangelienschichten. Statt einer biographischen Einzelpersönlichkeit erblickt Drews im Zentrum der christlichen Ursprungsgeschichte eine synkretistische Verdichtung vorchristlicher Erlösermythen.
Die Entschlüsselung des Astralmythos
Seine Argumentation stützt sich maßgeblich auf die Astralmythologie Peter Jensens sowie die vergleichende Religionswissenschaft von James George Frazer. So löst sich der galiläische Wanderprediger in das Motiv des sterbenden und auferstehenden Naturgottes auf, wie er im vorderasiatischen Raum als Attis, Osiris oder Tammuz verehrt wurde. Die irdische Biographie entpuppt sich dabei als bloßer Erdenspiegel des Sternenhimmels, auf dem die Planetenwanderungen und Sternbilder zu den Wundern und Leidensstationen eines kosmischen Helden dramatisert werden. Drews weist nach, wie die Passionserzählung den Mustern antiker Mysterienkulte folgt, in denen das Schicksal der Gottheit mit dem kosmischen Zyklus der Sonnendonner- und Tagundnachtgleichen verschmilzt. Der Name Jesus verweist auf den alttestamentlichen Jeschua und hellenistisch-jüdische Weisheitstraditionen, die bereits vor der Zeitenwende eine präexistente Kultfigur formten.
Die Paulus-Briefe als gnostischerDie Gnosis (altgriech. γνῶσις Erkenntnis) bezeichnet eine durch göttliche Offenbarung erlangte spirituelle Selbsterkenntnis, die zur Befreiung der Seele aus der materiellen Welt führen soll. Sie betont die direkte, innere Erfahrung des Göttlichen gegenüber dogmatischem Glauben und ist ein zentrales Fundament vieler hermetischer Traditionen. Ursprung
In der Rekonstruktion der frühchristlichen Literaturgeschichte priorisiert Drews die paulinischen Episteln vor den Evangelien, verneint jedoch deren Zeugniswert für einen Fleisch gewordenen Menschen. Der Apostel Paulus zeichne keinen historischen Zeitgenossen, sondern verkünde einen mystischen Christus, der als inneres Erlebnis und himmlisches Wesen erfahren werde.
Drews deutet die paulinische Theologie als Vorläuferin der Gnosis: Der Kreuzestod vollzieht sich nicht auf einem Hügel vor den Toren Jerusalems unter Pontius Pilatus, sondern als kosmisches Drama in den astralen Sphären. Erst die spätere Redaktion der Evangelien habe diesen mythologischen Niederschlag historisiert und mit lokalen Anekdoten angereichert. Durch diese Beweisführung überführt Drews die biblische Überlieferung aus dem Raum der Geschichtswissenschaft in die Sphäre der vergleichenden Symbolforschung.
Die gesellschaftliche Eruption der Bremer Debatte
Die Veröffentlichung im Eugen Diederichs Verlag entfachte einen der heftigsten Kulturkämpfe des späten Kaiserreichs, der im Februar 1910 im Bremer Dom seinen öffentlichen Höhepunkt fand. Dort verteidigte Drews, von Haus aus Philosophieprofessor in Karlsruhe, seine Thesen vor tausenden Zuhörern gegen den protestantischen Klerus. Die Monistenbewegung um Ernst Haeckel feierte das Werk als Befreiungsschlag gegen das kirchliche Dogma, während liberale Theologen wie Adolf von Harnack den wissenschaftlichen Ertrag scharf bestritten.
Drews ging es jedoch keineswegs um eine bloße Zerstörung des Religiösen: Er beabsichtigte die Überwindung des anthropozentrischen Personenintegrals zugunsten eines idealistischen Monismus. Die Befreiung des Glaubens vom historischen Faktum sollte den Weg freimachen für eine rein immanente Geistesreligion – gereinigt vom egozentrischen Wunsch nach individueller Seelenrettung durch ein äußeres Gegenüber.
Die Grenzen des mythenkritischen Reduktionismus
Aus ideengeschichtlicher Distanz zeigt das Werk eine charakteristische Überdehnung seiner eigenen Methodik. Drews neigt dazu, jede historische Überlieferung durch oft gewagte etymologische und astrologische Analogien in ein vorgefasstes Mythologem zu pressen. Indem er sämtliche Details der Evangelien auf Sternbilder oder alttestamentliche Typologien zurückführt, ignoriert er die spezifischen sozio-politischen Kontextbedingungen Judäas im ersten Jahrhundert.
Seine Neigung, komplexe Überlieferungsprozesse auf eine schlichte Personifikation von Naturkräften zu reduzieren, teilt die Schwächen der zeitgenössischen Vergleichenden Religionswissenschaft. Dennoch bleibt der Text ein faszinierendes Dokument des Versuchs, die Metaphysik durch eine radikale Entmystifizierung der Geschichte neu zu begründen.