Was ist Gott? Das Buch der 24 Philosophen – Buchcover

Was ist Gott? Das Buch der 24 Philosophen

Lateinisch - Deutsch. Erstmals übersetzt und kommentiert von Kurt Flasch

2011
„Viele glauben zu wissen, was Mittelalter und was Moderne heißt; ich schlage ihnen vor, dreißig Jahre lang die Wörter »Mittelalter«, »Moderne« und »Epoche« nicht zu gebrauchen.“
Dieses Werk präsentiert das erstmals ins Deutsche übersetzte „Liber XXIV philosophorum“, eine Sammlung spätmittelalterlicher Definitionen über das Wesen Gottes.
bei Amazon Suche im ZVAB
„Viele glauben zu wissen, was Mittelalter und was Moderne heißt; ich schlage ihnen vor, dreißig Jahre lang die Wörter »Mittelalter«, »Moderne« und »Epoche« nicht zu gebrauchen.“
Dieses Werk präsentiert das erstmals ins Deutsche übersetzte „Liber XXIV philosophorum“, eine Sammlung spätmittelalterlicher Definitionen über das Wesen Gottes.
bei Amazon Suche im ZVAB

Werk und Inhalt

Ein schmales Kompendium der Unendlichkeit

Das im Jahr 2011 erschienene Werk „Was ist Gott? Das Buch der 24 Philosophen“ ist kein klassisches religionsphilosophisches Lehrbuch, sondern eine philologische und geistesgeschichtliche Spurensuche. Kurt Flasch, einer der profiliertesten Mediävisten, widmet sich einem anonymen mittelalterlichen Traktat aus dem 12. Jahrhundert, dem sogenannten Liber XXIV philosophorum (Das Buch der 24 Philosophen).

Dieses Werk ist eine Sammlung von 24 Definitionen Gottes, die in einer fiktiven Zusammenkunft von Philosophen entstanden sein soll. Flasch nimmt den Leser mit in die Werkstatt des Mittelalters, analysiert die lakonische Kürze der Sätze und legt die darin verborgene apophatische Theologie frei, die Gott nicht durch das definiert, was er ist, sondern durch das, was er nicht sein kann.

Ein Spiel mit der Autorschaft und der Tradition

Die Faszination des Liber XXIV philosophorum liegt in seiner charmanten Hochstapelei. Die anonymen Autoren schmückten ihre Sätze mit den Namen berühmter antiker Denker, um ihren eigenen Thesen das nötige Gewicht der Tradition zu verleihen. Flasch entlarvt diese literarische Inszenierung als typisches Mittel des Mittelalters, das weniger auf historische Korrektheit als auf die Autorität der Vernunft zielte. Er zeigt auf, wie diese „Philosophen“ – eine Mischung aus NeuplatonismusDie philosophische Strömung des Neuplatonismus versteht die Welt als stufenweisen Ausfluss (Emanation) des höchsten, unendlichen Prinzips, dem „Einen“. Sie formte maßgeblich das metaphysische Denken der Spätantike und bildet eine zentrale Brücke zwischen klassischer Philosophie und esoterischer Weltsicht., aristotelischen Elementen und christlichem Denken – versuchen, das Absolute in eine mathematisch-geometrische Sprache zu fassen. Es ist ein intellektuelles Spiel, das Flasch mit der nötigen Distanz, aber auch mit einer fast schon spürbaren Freude an der historischen Detektivarbeit freilegt.

Gott als Kugel und unendlicher Kreis

Den Kern des Werkes bildet die berühmte zweite Definition, die Gott als eine „unendliche Kugel“ beschreibt, „deren Zentrum überall, deren Umkreis nirgendwo ist“. Flasch entfaltet das ontologischeOntologie (altgriech. ὄν ón „seiend“ und λόγος lógos „Lehre“) ist die Lehre vom Sein und seinen grundlegenden Strukturen. Sie untersucht, welche Arten von Dingen existieren und wie sie in der Wirklichkeit geordnet sind – von der materiellen Erscheinung bis hin zum metaphysischen Sein. Potenzial dieser geometrischen Metaphorik. Er macht deutlich, dass es hier nicht um ein physikalisches Modell geht, sondern um die Unfassbarkeit des göttlichen Wesens. Gott wird als unendliche Weite gedacht, die jeden Punkt im Sein umfasst, aber an keiner Stelle an eine Grenze stößt. Der Autor führt hier präzise aus, wie diese Definition über Jahrhunderte hinweg das abendländische Denken beeinflusste und warum sie bis heute ihre beunruhigende Eleganz bewahrt hat.

Die Sprache der Leere und das Schweigen

Ein wesentlicher Teil der Analyse beschäftigt sich mit dem sprachlichen Sparsamkeitsgebot der 24 Sätze. Die Philosophen des Traktats neigen zur Paradoxie; sie formulieren Aussagen, die sich bei genauem Hinsehen selbst aufheben. Flasch arbeitet heraus, dass diese Texte nicht dazu dienen, Wissen über Gott zu vermitteln, sondern dazu anregen, das eigene Denken an eine Grenze zu führen. Die Negation wird hier zum Erkenntniswerkzeug: Indem man Gott alle Bestimmungen abspricht, nähert man sich einer absoluten Einheit. Flasch bewahrt sich dabei den Blick für das Absurde: Er bemerkt trocken, dass diese Philosophen zwar Gott definieren wollten, dabei aber letztlich das Unbeschreibbare nur umso eindringlicher in ein Schweigen hüllten.

Eine Einladung an historisch Interessierte

Dieses Buch richtet sich primär an Leser, die eine Affinität zur mittelalterlichen Philosophie und zur Geschichte der Metaphysik besitzen. Es ist keine leichte Lektüre für den Strand, aber eine bereichernde für den Schreibtisch. Flasch liefert keine Gebrauchsanweisung für den Glauben, sondern ein historisches Protokoll über die Denkbarkeit des Unendlichen. Er richtet sich an ein Publikum, das bereit ist, sich auf eine Zeit einzulassen, in der Denken noch als eine Form der kontemplativen Übung verstanden wurde.

Wer sich für die Wurzeln europäischer Abstraktion interessiert und keine Angst vor dem einen oder anderen logischen Knoten hat, findet in dieser Auseinandersetzung eine sachkundige und angenehm unaufgeregte Wegbegleitung.