Magia Naturalis et Innaturalis – Buchcover

Magia Naturalis et Innaturalis

Dr. Johannes Fausts dreifacher Höllenzwang

1505
Originaltitel: „Magia naturalis et innaturalis, oder dreifacher Höllenzwang“
„Was du suchst, ist nicht in fernen Ländern, sondern in der Stille deines eigenen Wesens.“
Ein Faust zugeschriebenes Grimoire über die Beschwörung der Höllenfürsten und die Schatzsuche.
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„Was du suchst, ist nicht in fernen Ländern, sondern in der Stille deines eigenen Wesens.“
Ein Faust zugeschriebenes Grimoire über die Beschwörung der Höllenfürsten und die Schatzsuche.
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Werk und Inhalt

Das Vermächtnis des Doktor Faust

Die Magia Naturalis et Innaturalis bündelt den barocken Drang zur Systematisierung des Übernatürlichen und bildet den handwerklichen Endpunkt der faustischen Legendenbildung.

Die Maske des Johannes Faust

Das Werk erscheint unter dem klangvollen Namen des Johannes Faust, jenes umherziehenden Magiers und Astrologen, der schon im sechzehnten Jahrhundert die Phantasie eines Christopher Marlowe befeuerte.

Doch dieses Buch ist kein Zeugnis des historischen Faust, sondern ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts. Es ist eine Zeit, in der die Aufklärung bereits die Vernunft predigt, während in den Hinterstuben der Gelehrten die Sehnsucht nach der Beherrschung der Geisterwelt ihre prächtigsten Blüten treibt. Die Zuschreibung dient als Gütesiegel für die Wirksamkeit der enthaltenen Riten.

Mephistophiels Sigillum in der Ausgabe von 1849
Mephistophiels Sigillum in der Ausgabe von 1849

Die Zweiteilung der Welt

Der Titel trennt scharf zwischen der Magia Naturalis und der Magia Innaturalis. Die natürliche Magie begreift sich als Ausnutzung verborgener Kräfte der Natur, der Sympathien und Antipathien zwischen Kräutern, Steinen und Gestirnen. Sie ist eine Fortführung der Lehren eines Giambattista della Porta, der in seiner gleichnamigen Magia Naturalis die Wunder der Optik und AlchemieAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. pries. Die unnatürliche Magie hingegen überschreitet die Grenze zur Goetia, zur aktiven Beschwörung von Wesenheiten, die außerhalb der sichtbaren Schöpfung stehen.

Mephistophiels 1
Mephistophiels 1. Erscheinung in der Ausgabe von 1849

Die Architektur der Höllenzwänge

Ein zentraler Bestandteil des Werkes sind die Höllenzwänge, rituelle Anweisungen, die darauf abzielen, Dämonen durch die Macht des Wortes und des Siegels gefügig zu machen. Diese Traktate setzen voraus, dass die Unterwelt ebenso streng hierarchisch geordnet ist wie der absolutistische Staat des Barock. Es ist eine bürokratische Dämonologie. Namen wie Mephistophiel oder Aziel werden nicht als Schreckgespenster, sondern als Funktionsträger in einem finsteren Verwaltungsapparat behandelt, denen der Magier mit juristischer Präzision begegnen muss.

Das Instrumentarium der Beschwörung

Die Praxislehre verlangt eine Akribie, die an die Labore der zeitgenössischen Chemiker erinnert. Der Magier benötigt den „Jungfern-Degen“, das dreifache Sigillum und den geweihten Kreis. Jedes Werkzeug muss unter bestimmten astrologischen Konstellationen gefertigt werden. Diese Materialität der Magie zeigt, dass der Geist allein nicht genügt; er bedarf der physischen Verankerung im Stofflichen. Man erkennt die geistige Verwandtschaft zu Agrippa von Nettesheim, für den der Mensch als Mikrokosmos die Hebel des Makrokosmos bedienen konnte.

Die Hierarchie der Luftgeister

Neben den Heerscharen der Unterwelt widmet sich das Buch den Intelligenzen der sieben Planeten. Jeder Wochentag untersteht einem Geist, wie etwa Cassiel dem Saturn oder Sachiel dem Jupiter. Diese astrologische Magie verknüpft das Schicksal des Individuums mit den Bahnen der Himmelskörper. Es ist ein Versuch, die Zeit selbst zu bändigen. Die Präzision, mit der die Stunden und Qualitäten der Gestirne berechnet werden, erinnert an die astronomischen Tabellen eines Johannes Kepler, auch wenn das Ziel ein gänzlich anderes ist.

Die visuelle Kraft der Siegel

Die Magia Naturalis et Innaturalis besticht durch ihre reichen, oft kolorierten Abbildungen von Siegeln und Charakteren. Diese Zeichen sind keine bloßen Illustrationen, sondern konzentrierte metaphysische Formeln. Ein Siegel ist die visuelle Essenz eines Geistes. Durch die Betrachtung und Zeichnung dieser Linien soll eine Resonanz zwischen dem Bewusstsein des Magiers und der herbeigerufenen Kraft entstehen. Es ist eine Form der angewandten Semiotik, in der das Zeichen unmittelbar zur Tat wird.

Echo in der Romantik

Obwohl das Werk im späten Barock wurzelt, wirkt es tief in die Epoche der Romantik hinein. Denker wie Justinus Kerner oder die Gebrüder Grimm betrachteten solche GrimoiresGrimoires sind Zauberbücher, die Anleitungen für magische Rituale, Beschwörungen sowie Rezepte enthalten. Der Begriff leitet sich vom französischen Wort für Grammatik ab. Obwohl sie auf antike Vorbilder zurückgehen, verbreiteten sie sich vor allem vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert. als Relikte einer untergegangenen, mythischen Weltsicht. Für sie war das Buch ein Kulturgut, das von der unstillbaren Neugier des Menschen erzählte, die Grenzen des Erlaubten zu überschreiten. In der Ruhe der Bibliothek wird deutlich, dass dieser Faust-Zyklus weniger von dunklen Mächten handelt als vielmehr vom menschlichen Drang nach Autonomie und Wissen.

Die Resonanz im Werk Goethes

Unmöglich, den Faust-Zyklus der Magia Naturalis et Innaturalis zu betrachten, ohne die literarische Metamorphose zu würdigen, die der Faust-Stoff durch Johann Wolfgang von Goethe erfuhr. Während die historischen Grimoires wie der Höllenzwang die Wurzeln einer volkstümlichen, oft als abergläubisch diskreditierten Magie bilden, transponierte Goethe das Motiv des Wissensdrangs in die philosophische Sphäre der Aufklärung und des Sturm und Drang.

In seinem monumentalen Drama Faust. Eine Tragödie wird Faust zu einer tragischen Figur, deren Streben weit über die bloße Beschwörung von Geistern hinausgeht – er verkörpert den modernen Menschen, der die absolute Erkenntnis sucht und dabei an seiner eigenen Endlichkeit verzweifelt. Wo das vorliegende Grimoire den Eingeweihten zur Beherrschung okkulterOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. Kräfte anleitet, stellt Goethe die existenzielle Frage nach dem Preis dieser Macht. So ergänzen sich das historische Buch und die literarische Dichtung zu einem Gesamtbild: Das eine​Das Eine ist die absolut transzendente, unteilbare Quelle alles Seienden. Im Neuplatonismus ist es die erste Hypostase, die jeder Vielheit vorausgeht als Ursprung aller Emanationen, ohne selbst Teil der manifestierten Welt zu sein. bietet die handwerkliche, magische Tradition, das andere die psychologische Reflexion über den ewigen Drang zur Überschreitung menschlicher Grenzen.

Die Wirkung des verbotenen Wissens

Das Werk wurde oft verfolgt, verboten und konfisziert. Es überlebte in geheimen Abschriften und prachtvollen Prachtausgaben für bibliophile Sammler. Diese Aura des Verborgenen hat die Substanz des Textes konserviert. Die Magia Naturalis et Innaturalis ist einer der vielen Versuche, das Unfassbare in die Form eines Lehrbuches zu zwingen. Sie steht heute als Zeugnis einer Zeit, in der das Gebet und die Beschwörung noch als zwei Seiten derselben Medaille galten, fest verankert in einer Welt, die noch keine Trennung von Geist und Materie kannte.

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