Merseburger Zaubersprüche – Buchcover

Merseburger Zaubersprüche

5. Jh.
„Was du suchst, ist nicht in fernen Ländern, sondern in der Stille deines eigenen Wesens.“
Altdeutsche Zaubersprüche zur Heilung und Befreiung, die als Zeugnisse vorchristlicher Magie gelten.
bei Amazon Suche im ZVAB
„Was du suchst, ist nicht in fernen Ländern, sondern in der Stille deines eigenen Wesens.“
Altdeutsche Zaubersprüche zur Heilung und Befreiung, die als Zeugnisse vorchristlicher Magie gelten.
bei Amazon Suche im ZVAB

Werk und Inhalt

Das Echo der alten Götter in der Mönchszelle

Zwei unscheinbare Eintragungen auf einem Pergamentvorsatzblatt bewahren den einzigen direkten Zugang zur vorchristlichen germanischen Glaubenswelt in althochdeutscher Sprache.

Das Versteck im Gebetbuch

Die Handschrift 136 der Merseburger Domstiftsbibliothek ist eigentlich ein liturgisches Buch, ein Sakramentar aus dem zehnten Jahrhundert. Dass am Ende dieses Bandes zwei germanische Zaubersprüche stehen, gleicht einem Wunder der Überlieferung. Ein anonymer Schreiber, wohl ein Kleriker mit Sinn für das Überkommene, trug die Verse im zehnten Jahrhundert nach. Es ist die Begegnung zweier Welten: Die lateinische Messe bildet den Rahmen für Worte, die aus einer Zeit stammen, als man die Götter noch bei ihren alten Namen rief.

Die Befreiung der Gefangenen

Der Erste Merseburger Zauberspruch widmet sich dem Lösen von Banden. Er beschreibt die Idisi, schicksalslenkende Frauenfiguren, die auf dem Schlachtfeld agieren. Während die einen das Heer hemmen und die anderen die Fesseln binden, ist die dritte Gruppe mit dem Loslösen beschäftigt. Man erkennt die Verwandtschaft zu den Walküren der nordischen Skandinavier oder den Nornen, die das Gewebe des Daseins knüpfen. Der Spruch endet mit der rituellen Formel „Eiris sazun idisi“, die den Akt des Sitzens und Wirkens beschreibt.

Die Heilung des Fohlens

Im Zweiten Merseburger Zauberspruch tritt die Götterwelt in ihrer vollen Breite auf. Phol und Wodan reiten in den Wald, als sich das Fohlen des Balder den Fuß verrenkt. Es folgt eine Aufzählung von Heilungsgöttern: Sinthgunt, Sunna, Friia und Volla versuchen ihr Glück, doch erst Wodan, der Meister der Galder, der Zaubergesänge, vermag den Schaden zu bannen. Er nutzt die Analogie: So wie der Knochen verrenkt ist, so soll er wieder gefügt werden. „Ben zi bena, bluot zi bluoda, lid zi lidun“ – Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Glied.

Das Prinzip der Analogie

Dieser Aufbau ist typisch für die archaische Praxislehre. Zuerst wird ein mythischer Präzedenzfall erzählt, die sogenannte Historiola, in der die Götter ein Problem lösen. Danach folgt die eigentliche Zauberformel, das Incantamentum, das die vergangene Tat in die Gegenwart holt. Es ist die Übertragung göttlicher Macht auf das menschliche Gebrechen. Diese Struktur findet sich bereits in antiken ägyptischen Papyri oder bei den Zeitgenossen im fernen Island, was auf ein tiefes, indogermanisches Erbe hindeutet.

Die Verwandtschaft mit den Gelehrten der Romantik

Es war Jacob Grimm, der diese Sprüche im Jahr 1841 der Öffentlichkeit vorstellte und ihre Bedeutung für die deutsche Philologie erkannte. Er sah in ihnen das fehlende Bindeglied zwischen der schriftlosen Vorzeit und der christlichen Epoche. In seiner Sichtweise waren sie keine dunkle Magie, sondern ehrwürdige Relikte einer Naturphilosophie. Damit rückte er die Sprüche in die Nähe der großen Mythenforschungen eines Friedrich Schlegel, der ebenfalls nach der organischen Urkraft der Sprache suchte.

Der Übergang zum Grimoire

Obwohl die Merseburger Zaubersprüche älter sind als die klassischen GrimoiresGrimoires sind Zauberbücher, die Anleitungen für magische Rituale, Beschwörungen sowie Rezepte enthalten. Der Begriff leitet sich vom französischen Wort für Grammatik ab. Obwohl sie auf antike Vorbilder zurückgehen, verbreiteten sie sich vor allem vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert. der Renaissance, bilden sie deren logisches Fundament. Sie sind die frühesten schriftlich fixierten Anleitungen zur Beeinflussung der Wirklichkeit durch das Wort. Wo spätere Werke wie das Heptameron auf planetare Hierarchien setzen, vertrauen diese Verse auf die unmittelbare Anwesenheit der Ahnen und Götter im Alltag. Es ist eine Magie der Notwehr, angewandt auf den Kriegsdienst und die Tierheilkunde.

Die Bewahrung des Phonems

Die sprachliche Kraft dieser Verse liegt in ihrem Alliterationsreim, dem Stabreim. Die Worte sind nicht nur Träger von Bedeutung, sondern von Klanggewalt. Die Wiederholung der anlautenden Konsonanten bindet den Spruch rhythmisch und macht ihn einprägsam. Dieser archaische Stil verbindet die Sprüche mit dem Hildebrandslied oder dem Muspilli. Es ist eine Sprache, die noch fest im Stofflichen verwurzelt ist und die Dinge beim Namen nennt, um über sie zu gebieten.

Das Fortleben des Verborgenen

Die Merseburger Zaubersprüche erinnern daran, dass Kultur niemals ein sauber getrennter Prozess ist. In der Stille des Klosters Merseburg koexistierten die christliche Liturgie und das heidnische Erbe auf derselben Haut vom Kalb. Das Werk ist ein Zeugnis für die Zähigkeit des menschlichen Gedächtnisses. Es steht heute in der Bibliothek als das kostbarste Juwel einer Zeit, die ihre Geheimnisse fast gänzlich mit ins Grab genommen hat, wären da nicht jene wenigen Zeilen eines neugierigen Schreibers gewesen.