Jerusalem – Buchcover

Jerusalem

2016
Ein monumentales Werk über Zeit, Ewigkeit und die Geometrie der Realität.
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Werk und Inhalt

Das ewige Backsteinviertel

Alan Moore verdichtet die Topographie einer englischen Industriestadt zu einem metaphysischen Mahlstein, unter dem die Zeit stillsteht.

Schichten aus Ruß und Gold

Northampton ist kein bloßer Ort auf der Karte, sondern ein Palimpsest. Moore schichtet die Epochen übereinander, bis der Lehm der Midlands unter dem Gewicht der Jahrhunderte zu glühen beginnt. Es ist das Quartier Boroughs, das zum Zentrum eines Universums wird, in dem jede Straßenecke eine historische Verwerfung birgt. Der Text verweigert sich der Chronologie. Er begreift Geschichte als eine Gleichzeitigkeit, in der das Elend des neunzehnten Jahrhunderts und die Träume der Gegenwart im selben Mauerwerk atmen.

Der Block aus festem Licht

Die physikalische Grundierung bildet der Eternalismus. Es ist die Vorstellung, dass das Universum ein vierdimensionaler Block ist, in dem jedes Ereignis, jeder Atemzug und jeder Ziegelstein unvergänglich verankert bleibt. Zeit ist keine fließende Bewegung, sondern eine solide Ausdehnung. Man erkennt darin die philosophische Nähe zu Baruch de Spinoza, der die Welt sub specie aeternitatis betrachtete, unter dem Aspekt der Ewigkeit. Nichts geht verloren, alles ist statisch in der Substanz Gottes oder des Raums verwahrt.

Das Erbe der Visionäre

Moore stellt sich in die Nachfolge von William Blake. Wie der romantische Dichter in seinen prophetischen Büchern wie „Jerusalem: The EmanationDie Emanation (lat. emanatio „Ausfließen“, „Ausströmen“) ist das Hervorgehen oder Ausstrahlen von etwas aus einem Ursprung. of the Giant Albion“ das Lokale ins Kosmische überhöhte, so verwandelt Moore die Schlote von Northampton in Tempelsäulen. Blake sah in der industriellen Revolution die „dunklen satanischenDer Satanismus ist eine Strömung, die den „Widersacher“ als Symbol für Rebellion gegen dogmatische Moral oder als Fokus für einen individualistischen Hedonismus nutzt. Oft anthropozentrisch oder naturalistisch geprägt, dient Satan hier primär als Metapher für die Autonomie des Individuums gegenüber kollektivem Zwang. Mühlen“, Moore sieht im sozialen Abstieg seiner Heimatstadt eine spirituelle Krise. Beide verbindet der Glaube, dass die Imagination das einzige Werkzeug ist, um die Ketten der materiellen Not zu sprengen.

Die Sprache als Grenze

Ein Kapitel des Werkes ist in einem künstlichen Idiom verfasst, das an James Joyce und dessen „Finnegans Wake“ erinnert. Es ist die Sprache von Lucia Joyce, der Tochter des Autors, die in einer Nervenheilklinik in Northampton untergebracht war. Das Wort wird zur Barriere und zum Befreiungsschlag zugleich. Die Silben verschmelzen, Bedeutungen überlagern sich, und der Leser muss sich den Sinn wie ein Archäologe aus den Trümmern der Syntax graben. Es ist ein Akt der sprachlichen Alchemie.

Das Spiel der Höherdimensionalen

Vernur ist der Begriff, den Moore für die Welt der Geister und der Verstorbenen einführt. Es handelt sich um einen Raum oberhalb unserer vertrauten drei Dimensionen, einen Ort der Perspektivwechsel. Die Toten spielen eine Form von Billard mit den Schicksalen der Lebenden. Diese Vorstellung korrespondiert mit den mathematischen Spekulationen des Edwin Abbott Abbott, der in „Flatland“ die Unvorstellbarkeit höherer Dimensionen thematisierte. In „Jerusalem“ wird das Jenseits zu einer geometrischen Notwendigkeit.

Die Armut als heiliger Stand

Die Bewohner der Boroughs, die Tagelöhner, die Huren und die Obdachlosen, werden zu den eigentlichen Trägern der Handlung. Moore rehabilitiert die Vergessenen der englischen Klassengesellschaft. In dieser Hinsicht wirkt das Werk wie eine Fortführung der sozialen Beobachtungen eines Henry Mayhew, der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts das Leben der Londoner Armen dokumentierte. Doch bei Moore erhalten diese Figuren eine sakrale Würde. Ihr Leid ist kein statistischer Wert, sondern eine Gravur in der Haut der Welt.

Der Schöpfer im Labyrinth

Am Ende steht die Erkenntnis, dass der Autor selbst Teil der Struktur ist. Moore reflektiert die Rolle des Erzählers, der wie ein Handwerker am Webstuhl der Mythen sitzt. Es gibt keinen Ausweg aus diesem gewaltigen Textgebilde, denn jede Fluchtbewegung ist bereits Teil der Geometrie. Das Buch verlangt Geduld und eine langsame Lektüre, die dem Rhythmus eines Steinmetzes gleicht. Wer sich darauf einlässt, erfährt, dass das Kleinste das Größte enthält und dass Northampton tatsächlich überall liegt.