Die Ordnung der Zeit – Buchcover

Die Ordnung der Zeit

2017
Originaltitel: „L“
„Die Zeit ist keine universelle Linie, sondern ein lokales Zittern der Materie.“
Ein physikalisches Plädoyer gegen die lineare Zeit – nah an hermetischen Konzepten.
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„Die Zeit ist keine universelle Linie, sondern ein lokales Zittern der Materie.“
Ein physikalisches Plädoyer gegen die lineare Zeit – nah an hermetischen Konzepten.
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Werk und Inhalt

Verlorener Takt im Weltgetriebe

Ein physikalischer Abschied von der Vorstellung eines universellen Uhrenschlags zugunsten einer Welt aus flüchtigen Ereignissen.

Stillstand auf den Gipfeln

Auf den Bergen vergeht die Zeit schneller als in den Tälern. Es ist keine Täuschung der Sinne, sondern eine messbare Verzögerung im Gefüge der Welt. Carlo Rovelli beginnt seine Untersuchung mit dieser Dehnung, die schon Albert Einstein vorausgesagt hat. Wer das Werk betrachtet, erkennt schnell, dass die vertraute Gleichmäßigkeit, mit der Pendel schwingen, lediglich eine grobe Näherung ist. In den Schichten der Quantenphysik löst sich das auf, was man bisher als festen Strom der Ereignisse begriffen hat.

Ein Erbe aus antiken Denkschulen

Der Autor steht in der Tradition von Anaximander, jenem Milesier, der bereits vor Jahrtausenden versuchte, die Welt ohne Rückgriff auf Götter zu erklären. Rovelli knüpft ein Band zwischen der modernen Schleifenquantengravitation und dem antiken Atomismus eines Demokrit. Es geht um die kleinsten Einheiten, die Körnung der Welt. Wo man früher ein Kontinuum vermutete, findet man heute eine diskrete Struktur, die keinen Raum für eine unendlich teilbare Dauer lässt.

Der Schmelzpunkt der Gleichzeitigkeit

Es gibt kein gemeinsames Jetzt für das Universum. Diese Erkenntnis bildet den harten Kern der modernen Weltdeutung. Rovelli erläutert, dass Lichtkegel die Grenze dessen markieren, was kausal verknüpft werden kann. Ein Ereignis auf Proxima Centauri gesieht für einen Beobachter auf der Erde weder davor noch danach, solange kein Signal den Abstand überbrückt hat. Die Vorstellung einer universellen Gegenwart ist eine lokale Illusion, die unter dem Mikroskop der Feldtheorie zerfällt.

Entropie als Richtungweiser

Warum erinnert man sich an die Vergangenheit, aber nicht an die Zukunft? Die Antwort liegt in der Thermodynamik, genauer im Zweiten Hauptsatz. Ludwig Boltzmann erkannte, dass Wärme von warmen Körpern zu kalten fließt und dabei die Unordnung, die Entropie, zunimmt. Rovelli zeigt auf, dass das, was man als Zeitfluss wahrnimmt, untrennbar mit diesem Anwachsen der Unordnung verknüpft ist. Ohne Wärme gäbe es keine Spur, keine Erinnerung und somit keine Geschichte.

Die Welt als Summe der Begegnungen

In der Quantenmechanik existieren Dinge nicht an sich, sondern nur in Interaktion. Rovelli nutzt das Konzept der Relationalen Quantenmechanik, um zu verdeutlichen, dass Zustände erst durch den Austausch von InformationenIn der Moderne wird die „Information“ rein datentechnisch betrachtet. Dem Begriff liegt etymologisch das lateinische informare (Gestalt verleihen) zugrunde. Hermetisch gesehen ist Information der Prozess, durch den der Geist die gestaltlose Prima Materia formt – ein Schöpfungsakt, der in jedem Gedanken und jeder Handlung fortwirkt. definiert werden. Ein Teilchen hat keine feste Bahn, es hat nur Momente der Korrespondenz. Das Werk wandelt sich von der Physik zur Philosophie, indem es das Sein durch das Werden ersetzt. Es gibt keine Objekte, nur Ereignisse.

Spuren im menschlichen Gedächtnis

In den späteren Abschnitten nähert sich das Buch dem Denken von Augustinus von Hippo an. In seinen Confessiones grübelte der Kirchenvater darüber nach, ob die Zeit nur in der Ausdehnung des Geistes existiere. Rovelli validiert diesen alten Befund mit den Mitteln der Neurowissenschaft. Das Gehirn webt aus Erinnerung und Erwartung einen Teppich, den man Zeit nennt. Es ist eine interne Projektion, die notwendig ist, damit ein biologisches Wesen in der Welt handeln kann.

Verzicht auf den absoluten Raum

Das Buch vollzieht den endgültigen Bruch mit dem Weltbild von Isaac Newton. Für den Engländer war die Zeit noch ein unendlicher Behälter, in dem sich die Materie bewegte. Rovelli führt den Leser zur Allgemeinen Relativitätstheorie zurück, in der die Raumzeit selbst ein Feld ist, das sich krümmt und schwankt. Es gibt keine Bühne, auf der das Schauspiel stattfindet, das Feld ist das Schauspiel selbst. Die Gravitation ist nichts anderes als die Geometrie dieses schwankenden Mediums.

Physik als bescheidene Chronik

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Unwissenheit kein Makel, sondern der Motor der Forschung ist. Das Werk ist ein Plädoyer für die Unabgeschlossenheit des Wissens. Rovelli betrachtet die Welt mit der Ruhe eines Beobachters, der weiß, dass jede Formel nur ein Versuch ist, das Rauschen der Atome in eine Sprache zu fassen. Das Buch ist ein Kulturgut, weil es den Menschen daran erinnert, dass er Teil eines Prozesses ist, dessen Ende er nicht absehen kann, weil es kein feststehendes Ende gibt.