Biografie und Wirken
Ein plastischer Geist zwischen Akademie und Gussform
Das neunzehnte Jahrhundert verlangte von der bildenden Kunst eine fundamentale Entscheidung zwischen dem Rückzug in das kontemplative Atelier und dem Dienst an der aufstrebenden Industrienation. Im Geburtsjahr von August von Kreling, 1819, war die Epoche der unschuldigen Romantik bereits im Abklingen begriffen, während der Historismus nach neuen Formen des Ausdrucks suchte.
Der gebürtige Osnabrücker trat in eine Welt ein, die von der königlichen Baupolitik Ludwigs I. in München und der akademischen Strenge Peter von Cornelius’ geprägt war. In diesem Spannungsfeld entfaltete sich ein Œuvre, das die traditionelle Trennung zwischen der zweidimensionalen Historienmalerei und der dreidimensionalen Monumentalplastik konsequent ignorierte. Kreling verstand das Kunstwerk nicht als isoliertes Artefakt, sondern als ein integratives Gesamtkunstwerk, welches den öffentlichen Raum architektonisch wie intellektuell strukturieren sollte.
Der Übertritt in den dreidimensionalen Raum
Die Lehrjahre an der Münchner Akademie unter Peter von Cornelius etablierten zunächst das Primat der präzisen Linie und des monumentalen Entwurfs. Ein Wendepunkt markiert das Jahr 1847, als der junge Künstler nach Norddeutschland reiste und sich der Bildhauerei zuwandte, um die Flächigkeit des Kartons zu überwinden. Der Eintritt in die renommierte Werkstatt von Ernst Rietschel in Dresden öffnete den Blick für die Materialität von Erz und Ton. Die philosophische Konsequenz dieses Wechsels lag in der Erkenntnis, dass die Mythen der Nation physische Schwere und Beständigkeit verlangten. Die Verbindung von malerischer Kompositionslehre und bildhauerischer Tektonik führte zu einer spezifischen Synthese, die Krelings späteren Ruf als Universalmeister begründete.
Die Nürnberger Reformjahre
Im Jahr 1853 folgte die Berufung zum Direktor der kaiserlichen Kunstgewerbeschule in Nürnberg, einer Institution, die unter der Leitung des Meisters eine tiefgreifende Reorganisation erfuhr. Die Trennung zwischen der sogenannten hohen Kunst und dem reinen Handwerk erwies sich in der Praxis als Hemmschuh für die ästhetische Erziehung. Kreling etablierte ein Curriculum, das die Ausbildung am Material mit der geistesgeschichtlichen Durchdringung der Formenlehre verknüpfte, ganz im Sinne des späteren Kulturhistorismus. Unter der Ägide des Direktors wandelte sich die Lehranstalt zu einem Epizentrum für die Erneuerung des Kunstgewerbes, wobei die Entwürfe für Prunkgefäße, Möbel und Bauplastik stets auf den Fundamenten der Renaissance fußten.
Das Monument im öffentlichen Raum
Der transatlantische Erfolg des Tyler Davidson Fountains in Cincinnati, enthüllt im Jahr 1871, demonstriert die globale Reichweite dieses nürnbergerischen Schaffens. Gegossen in der königlichen Erzgießerei in München, bricht die monumentale Brunnenanlage radikal mit der barocken Tradition mythologischer Flussgötter. Statt Neptun oder Tritonen zeigt das Werk die praktischen Segnungen des Elements Wasser für den modernen Menschen: Brandbekämpfung, Landwirtschaft und Hygiene. Diese Ikonographie übersetzt den profanen Utilitarismus des Industriezeitalters in die erhabene Sprache der Monumentalplastik. Der Brunnen wurde zum profanen Altar einer aufstrebenden Bürgergesellschaft, die ihre Daseinsvorsorge ästhetisch legitimieren wollte.
Die Finalisierung des literarischen Mythos
Die Spätphase des Schaffens kehrte mit gesteigerter Intensität zur Literatur zurück, kulminierend in den großformatigen Illustrationen zu Johann Wolfgang von Goethes Tragödie Faust. Die Zeichnungen und Gemälde, entstanden in den Jahren vor dem Tod des Künstlers 1876, nutzen die Technik der Chiaroscuro-Malerei, um die psychologische Zerrissenheit des modernen Subjekts darzustellen. Die Blätter sind keine bloßen Textillustrationen, sondern visuelle Exegetik, die den faustischen Drang nach Erkenntnis als existenzielle Krise deutet. In diesen Werken schließt sich der Kreis eines Künstlerlebens, das zwischen der materiellen Schwere des Bronzegusses und der fluiden Immaterialität des literarischen Traums vermittelte.
Bildwerke