Das Zerrbild der verjüngenden Materie
Als August von Kreling in der Spätphase seines Nürnberger Wirkens um 1873 die Vorlagen für seine monumentale Prachtausgabe zu Johann Wolfgang von Goethes Faust-Tragödie schuf, stand das bürgerliche Kunstempfinden im Zenit des historisierenden Realismus. Die Illustrationen zu Faust artikulieren diesen Zeitgeist durch eine meisterhafte Synthese aus dramatischer Nahsicht und detailverliebter Interieurstudie.
Kreling nähert sich der grotesken Schlüsselszene in der Hexenküche nicht mit der rohen Phantastik der Romantiker, sondern mit der sezierenden Präzision eines Chronisten, der das Unheimliche als körperliche und psychologische Realität fassbar macht. Die Komposition verankert das metaphysische Geschehen in einem physisch greifbaren Raum, wodurch das Irrationale eine beunruhigende Plastizität erhält.
Das Trugbild im magischen Oval
Im linken Vordergrund verharrend, lenkt die Gestalt des alternden Faust den Blick auf das eigentliche energetische Zentrum des Bildes: den Zauberspiegel. Die glatte, ovale Spiegelfläche bricht die düstere Textur der steinernen Umgebung und zeigt den schimmernden Akt einer schlafenden Frau, die als Inbegriff der Helena oder des ewigen Ideals erscheint. Fausts Hände sind im Gebet oder im Gestus des ungläubigen Staunens gefaltet, während sein ganzer Körper sich in einer tiefen Diagonale diesem Fenster der Begierde entgegenstreckt. Diese Anordnung visualisiert das philosophische Motiv der Anamorphose – die Verzerrung der Realität durch den Filter des subjektiven Verlangens. Der Spiegel fungiert nicht als Instrument der Selbsterkenntnis, sondern als Einbruchstelle einer transzendenten Ästhetik in die profane Welt.
Der ironische Souverän im Dämmerlicht
Das strukturelle Gegengewicht im Bildzentrum bildet Mephistopheles, der in der Tracht eines hochmütigen Edelmannes mit Federhut auf einem Tisch thront und den Wedel der Hexe wie ein Zepter schwingt. Sein hämisches Lächeln und die lässig aufgestützte Hand zeugen von einer absoluten Kontrolle über das inszenierte Chaos. Dieser Gestus verweist geistesgeschichtlich auf das Konzept der Romantischen Ironie, wie sie Friedrich Schlegel als Methode zur Überwindung des Ernstes definierte. Mephistopheles nimmt an dem magischen Hokuspokus nicht teil, sondern durchschaut ihn als illusionistisches Theater, das lediglich dazu dient, den Intellekt des Gelehrten durch die Sinne zu korrumpieren.
Die Groteske des niederen Lebens
Auf der rechten Bildseite bricht das kreatürliche Chaos in Gestalt der Meerkatzen und der wütenden Hexe hervor, die unter dem auflodernden Kessel zurückweicht. Die verstreuten Utensilien auf dem Boden – eine umgestürzte Krone, mathematische Körper und ein menschlicher Schädel – bilden ein klassisches Vanitas-Motiv. Die präzise Ausarbeitung der knöchernen Finger der Hexe und des struppigen Fells der Tierwesen kontrastiert hart mit der sanften, fast immateriellen Modellierung des Spiegelbildes. Hier manifestiert sich die fundamentale Spaltung zwischen dem niederen, chaotischen Naturzustand und der idealisierten Kulturform, welche die Hexe in ihrem alchemistischenAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. Wahn vergeblich zu synthetisieren sucht.
Die Geometrie des magischen Zirkels
Der Bildvordergrund wird durch eine geschwungene Linie auf dem Boden markiert, die den Rand eines beschriebenen Kreises andeutet, an dessen Peripherie ein Oberschenkelknochen und geometrische SymboleDas Symbol ist ein verdichtetes Zeichen, das über seine bloße materielle Erscheinung hinaus auf eine tiefere, transzendente Wirklichkeit verweist. Im hermetischen Kontext ist das Symbol kein willkürliches Abbild, sondern ein „Korrespondenz-Anker“, der die Kraft der bezeichneten Idee in die physische Ebene kanalisiert und so als Brücke zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos fungiert. lagern. Dieser Kreis verweist direkt auf die Goethesche „Hexen-Einmaleins“-Passage, das formale Traktat des Unsinns, das dennoch mathematische Ordnung simuliert. Kreling nutzt diese Grenzlinie, um den Betrachterraum psychologisch abzuriegeln; das Mysterium wird zu einem bühnenhaften Befund geordnet. Die streng kalkulierte Lichtführung, die vom Kessel ausgeht und die Konturen scharf herausmeißelt, überführt das magische Dunkel in eine visuelle Beweisaufnahme des menschlichen Verfalls.
Über den Künstler
August von Kreling
Ein plastischer Geist zwischen Akademie und Gussform Das neunzehnte Jahrhundert verlangte von der bildenden Kunst eine fundamentale Entscheidung zwischen dem Rückzug in das kontemplative Atelier und dem Dienst an der aufstrebenden Industrienation....
Zum Künstler-Profil