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Austin Osman Spare

1886–1956

Wie es der Chaos-Magier und Okkultist formulierte:

Der Glaube ist die einzige Realität, aber man muss ihn erst vergessen, um ihn wirken zu lassen.
— Das Buch der Ekstatischen Freude

Biografie und Wirken

Ein Kellerraum im Licht der Gaslaternen

Unter dem Pflaster von Southwark ruht der Staub einer anderen Zeit. Hier herrscht kein Glanz, sondern die Enge des Notwendigen. Ein Mann sitzt vor einem Blatt Papier, die Hand geführt von einem Impuls, der tiefer liegt als der Verstand. Es ist ein Rückzug aus der Sichtbarkeit, ein Versinken in jene Schichten, in denen sich Wunsch und Wirklichkeit berühren. Die Umgebung ist karg, doch die Linien, die aus der Feder fließen, kennen keine Armut.

Der Glanz der Royal Academy

Früh zeigte sich eine Meisterschaft, die das Establishment erzittern ließ. Als jüngster Aussteller in den Hallen der Gelehrsamkeit wurde er als Wunderkind gehandelt. Doch der Beifall der Kritiker blieb eine äußere Hülle, eine Schlacke, die er bald abzustreifen suchte. Der Vergleich mit George Frederick Watts oder Aubrey Beardsley lag nahe, doch während jene im Dekorativen verharrten, suchte er nach dem Puls unter der Haut. Die akademische Perfektion diente ihm nur als Werkzeug für eine radikalere Form der Veräußerung.

Das Geflecht der dunklen Bruderschaft

Die Begegnung mit Aleister Crowley und dem Orden des Argentum Astrum markierte eine Phase der rituellen Verdichtung. In dieser Zeit entstanden Beiträge für die Zeitschrift The Equinox. Doch die Hierarchien der organisierten Magie erwiesen sich als zu starr für einen Geist, der die Einsamkeit vorzog. Wo Crowley das Zeremoniell betonte, suchte er die unmittelbare Erfahrung. Die Trennung war folgerichtig; er blieb ein Solitär, der seine eigenen Gesetze schrieb.

Die Destillation der Sigillen

Mit dem Werk The Book of Pleasure entwickelte er ein Verfahren, das die okkulteOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. Praxis revolutionierte. Die Technik der Sigillisation ist eine Form der geistigen AlchemieAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze.: Ein Wunsch wird in Buchstaben gefasst, reduziert, grafisch verdichtet und schließlich vergessen. Durch dieses Vergessen sinkt die Signatur in das Unbewusste, um dort ihre Wirkung zu entfalten. Es ist ein Prozess der psychischen SublimierungSublimatio (lat. sublimare „emporheben“) ist ein alchemistisches Verfahren der Reinigung und Veredelung, bei dem ein fester Stoff durch Hitze verflüchtigt und an höherer Stelle neu kristallisiert wird. Hermetisch und psychologisch symbolisiert die Sublimierung die Wandlung grober, materieller Kräfte oder Affekte in einen geistigen, purifizierten Zustand., bei dem der Künstler zum Operator seines eigenen Schicksals wird.

Der Zustand des Zos Kia

In seiner Philosophie, die er als Kult des Zos Kia bezeichnete, suchte er den Ausgleich der Gegensätze. Zos steht für den Körper, das Instrument der Wahrnehmung, während Kia den atmosphärischen, formlosen Geist beschreibt. Diese Lehre fordert die Rückkehr zum Ursprünglichen, zur Leere, aus der alles Schöpferische entspringt. Es ist ein Horizont, der weit über die Grenzen der zeitgenössischen Psychologie hinausreicht und das Ich als bloßes Hindernis auf dem Weg zur Erkenntnis begreift.

Das automatische Zeichnen als Exerzitium

Lange vor den Surrealisten praktizierte er das automatische Schreiben und Zeichnen. Die Hand bewegt sich ohne Vorbedacht, sie wird zum Seismographen innerer Erschütterungen. In diesen Blättern zeigen sich hybride Wesen, Fratzen und Gottheiten, die aus einem kollektiven Gedächtnis aufzusteigen scheinen. Es ist eine Arbeit am offenen Nerv der Zeit, eine Freilegung von Schichten, die normalerweise unter dem Firnis der Zivilisation verborgen bleiben.

Die Jahre im Abseits

Während die Kunstwelt sich weiterdrehte, verharrte er in seiner Londoner Klause. Er tauschte Bilder gegen Nahrung oder Kleidung, ein Leben am Rand des Existenzminimums. Doch in dieser Armut lag eine Freiheit, die keine Galerie bieten konnte. Er malte Porträts der einfachen Leute aus seiner Nachbarschaft, durchsetzt mit den Visionen seiner inneren Welt. Es war eine Symbiose aus Dreck und Heiligenschein, die sein spätes Schaffen kennzeichnete.

Der Horizont der Heimkehr

Als die Kräfte schwanden, blieb die Gewissheit einer vollendeten Suche. Kenneth Grant, sein später Vertrauter und Biograf, bewahrte die Fragmente dieses Lebens für die Nachwelt. Austin Osman Spare starb nicht als vergessener Maler, sondern als Eingeweihter einer Ordnung, die er selbst erschaffen hatte. Seine Hinterlassenschaft ist kein Archiv aus Papier, sondern ein Pfad, den er mit jeder Linie tiefer in das Unbekannte gezeichnet hat.