Charles Baudelaire – Autorenfoto

Charles Baudelaire

1821–1867

Wie es der Dichter und Symbolist formulierte:

Die Natur ist ein Tempel, wo aus lebendigen Pfeilern bisweilen wirre Worte dringen; der Mensch geht dort durch einen Wald von Symbolen, die ihn mit vertrauten Blicken beobachten.
— Die Blumen des Bösen

Biografie und Wirken

Das Licht über dem Boulevard

Paris unter der Herrschaft von Haussmann zeigt sich als ein Feld der Aufbrüche. Alte Gassen verschwinden, breite Schneisen schlagen Wunden in das Gedächtnis der Stadt. Inmitten dieses Staubs bewegt sich eine Gestalt mit langsamen, gemessenen Schritten. Es ist der Flaneur, ein Beobachter, der im Vorübergehen die flüchtige Schönheit des Augenblicks fixiert. Das Auge sucht nicht das Monumentale, sondern den Riss in der Fassade, das Welken einer Blume im Rinnstein.

Das Erbe der Kälte

Ein Hotelzimmer am Quai d'Anjou auf der Île Saint-Louis bietet den Rahmen für eine kostspielige Einsamkeit. Das väterliche Erbe wird nicht investiert, es wird verzehrt. Seide, Samt und seltene Drucke bilden einen Schutzwall gegen die Forderungen der bürgerlichen Welt. Der Stiefvater, General Aupick, bleibt die Verkörperung jener Ordnung, die der junge Mann mit jeder Faser seines Seins ablehnt. Es ist die Verweigerung der nützlichen Arbeit zugunsten einer harten, disziplinierten Trägheit.

Die Destillation des Bösen

Im Jahr 1857 erscheinen Les Fleurs du Mal. Es ist eine Sammlung, die wie eine giftige Blüte aus dem Boden der Moral bricht. Die Gedichte sind keine Ergüsse des Gefühls, sondern Produkte einer kalten Destillation. Hier wird das Hässliche nicht kaschiert, sondern in die strenge Form des Alexandriners gegossen. Der Prozess vor Gericht wegen Beleidigung der öffentlichen Moral ist nur die äußere Bestätigung für die Radikalität dieses Unternehmens. Die Schlacke des Daseins wird durch die Kraft des Wortes geläutert.

Geistige Wahlverwandtschaften

In den Schriften von Edgar Allan Poe findet der Dichter einen Spiegel. Er verbringt Jahre damit, die Erzählungen des Amerikaners ins Französische zu übertragen. Es ist eine Arbeit der tiefen Identifikation, eine Suche nach der Signatur des Schreckens und der mathematischen Präzision in der Kunst. Auch zu Richard Wagner zieht es ihn hin; in der Musik des Deutschen erkennt er die KorrespondenzenKorrespondenzen bezeichnen das hermetische Prinzip der Analogie („Wie oben, so unten“), wonach alle Ebenen der Wirklichkeit – vom Kosmos bis zur menschlichen Psyche – in einem System symbolischer Entsprechungen miteinander verbunden sind. Sie dienen dem Adepten als „Landkarte“, um die unsichtbare Architektur der Welt zu deuten., jene geheimen Verknüpfungen zwischen den Sinnen, die Farben wie Töne und Düfte wie Gefühle erscheinen lassen.

Die Signatur der Moderne

Constantin Guys wird zum Gewährsmann für eine neue Ästhetik. In dem Essay Le Peintre de la vie moderne wird die Mode zum philosophischen Gegenstand erhoben. Das Vergängliche, das Relative, das Kostüm der Epoche sind für den Betrachter die notwendigen Hüllen der ewigen Schönheit. Der Dandy ist hier kein eitler Narr, sondern ein Asket des Stils, der im Angesicht des Untergangs die Haltung bewahrt. Es ist ein Dienst am Schein, der tiefer geht als jede oberflächliche Wahrheit.

Das künstliche Paradies

Das Hotel des Pimodans wird zum Ort der Versuche. Zusammen mit dem Club des Haschischins, dem auch Théophile Gautier angehört, erkundet man die Grenzen der Wahrnehmung. Doch die Rauschmittel dienen nicht der Zerstreuung. Sie sind Werkzeuge, um die Wahrnehmung zu schärfen und die gewöhnliche Zeit zu dehnen. Die künstlichen Paradiese erweisen sich letztlich als Sackgassen, in denen der Geist zwar weitet, der Körper aber als hinfällige Hülle zurückbleibt.

Die Qual der Spleen

In den Petits Poèmes en prose löst sich die strenge Bindung des Verses auf. Der Spleen von Paris fängt die Zersplitterung des modernen Bewusstseins ein. Es ist ein Zustand der Lähmung und der tiefen Melancholie, die kein Objekt mehr braucht. Die Sehnsucht nach dem Irgendwo außerhalb der Welt wird zum dauerhaften Horizont. Die Stadt ist kein Lebensraum mehr, sondern ein Labyrinth aus Spiegeln, in denen sich das Ich unaufhörlich verliert.

Das Schweigen in Brüssel

Die letzten Jahre führen in das Exil nach Belgien. Es ist eine Zeit der Bitterkeit und der körperlichen Zerrüttung. Die Syphilis fordert ihren Tribut, die Sprache geht verloren. In einem Zustand der Aphasie kehrt der Dichter nach Paris zurück. Er, der die Sprache wie kein Zweiter beherrschte, endet in einem Schweigen, das nur noch durch den Blick aus schmerzenden Augen unterbrochen wird. Die Verwandlung ist abgeschlossen.

Das Archiv der Asche

Auf dem Friedhof von Montparnasse liegt er im Grab des verhassten Stiefvaters. Es ist die letzte Ironie eines Lebens, das nach absoluter Autonomie strebte. Was bleibt, ist ein schmales Werk von ungeheurer Dichte, das die Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts vorwegnahm. Die Blumen des Bösen blühen weiter auf dem Asphalt der Metropolen, unberührt von der Zeit, die ihren Schöpfer so unerbittlich mahlte.