E. T. A. Hoffmann – Autorenfoto

E. T. A. Hoffmann

1776–1822

Wie es der Schriftsteller und Romantiker formulierte:

Es gibt dunkle Mächte, die uns unbewusst steuern und deren Fäden wir erst gewahren, wenn sie uns ins Verderben ziehen.
— Der Sandmann

Biografie und Wirken

Dämmerlicht im Kammergericht

Ein Stapel von Akten, die Kühle einer preußischen Amtsstube im Gebäude am Berliner Hausvogteiplatz und das Kratzen einer Feder auf rauem Papier. Seit 1816 wirkte E. T. A. Hoffmann als hochgeschätzter Richter – ab 1819 als Kammergerichtsrat – in der preußischen Justiz. Es herrscht die Ordnung der Paragraphen, die Strenge des Gesetzbuchs, die keine Abweichung duldet.

Doch hinter der Stirn des Rathes brennt ein anderes Feuer. Der Blick, mit dem er eben noch ein Urteil im bürokratischen Prozess fixierte, gleitet über die Ränder des gerichtlichen Rubrums hinaus in eine Sphäre, in der sich die Schatten an den Wänden zu fratzenhaften Gestalten dehnen. Hier wird die Wirklichkeit nicht verwaltet, sondern unterminiert.

Die Destillation des Doppelgängers

Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, der 1805 aus Verehrung für Wolfgang Amadeus Mozart seinen dritten Vornamen offiziell in Amadeus änderte, vollzog eine radikale Teilung der Existenz. In seinen Werken, etwa dem Roman Die Elixiere des Teufels (1815/16), wird das Ich zum Schauplatz einer alchemistischenAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. Trennung. Das Reine und das Verderbte, der pflichtbewusste Beamte und der exzentrische Kunstenthusiast stehen sich in unauflösbarer Spannung gegenüber. Es ist die Suche nach der Signatur des Unheimlichen im Alltäglichen – eine Filtrierung des Bewusstseins, die das Unbewusste lange vor Sigmund Freud als die eigentliche, gefährliche Substanz des Lebens freilegt.

Gefährten im lichten Zirkel der Serapionsbrüder

In Berlin findet diese poetische Suche ab 1818 eine geistige Heimat im Freundeskreis der Serapionsbrüder. Im Austausch mit Adelbert von Chamisso, Friedrich de la Motte Fouqué, David Ferdinand Koreff und Theodor Gottlieb von Hippel entsteht ein Geflecht von Erzählern, die das Wunderbare mitten in die bürgerliche Stube holen. Es ist ein Laboratorium des Geistes, in dem das Serapiontische Prinzip zur Richtschnur wird: die Forderung, dass der Dichter die Erscheinungen erst in innerer Wesensschau vollkommen erblicken muss, bevor er sie in ein Kunstwerk gießt. Hier wird die Phantasie nicht als eskapistische Flucht, sondern als die schärfste Form der Wirklichkeitswahrnehmung begriffen.

Das Fundament der musikalischen Schau

Die Musik bildet den eigentlichen Horizont, vor dem sich alle literarischen Bemühungen Hoffmanns ordnen, der selbst Opern wie Undine (1816) komponierte. In den Kreisleriana erschafft er in der Gestalt des sprunghaften Kapellmeisters Johannes Kreisler ein Spiegelbild seiner eigenen seelischen Zerrissenheit.

Für Hoffmann ist die Musik die romantischste aller Künste, da sie das Unendliche direkt berührt. Seine berühmte Rezension zu Beethovens 5. Sinfonie (1810) begründete die moderne Musikkritik und zeichnete den Komponisten als Meisterschöpfer, der das Reich des Schrecklichen und des Unendlichen heraufbeschwört. Das Notenblatt ist ihm ebenso vertraut wie die Gesetzesakte, doch nur in den Tönen findet die Seele ihre Klärung.

Die Signatur des Magnetismus

Unter dem Einfluss der NaturphilosophieDie Naturphilosophie ist eine philosophische Betrachtung der Natur als beseeltes, lebendiges Ganzes. Sie sucht hinter den rein naturwissenschaftlichen Gesetzen nach einem tieferen, oft spirituellen Verständnis der Welt und begreift die Natur als einen Spiegel geistiger Prozesse, wie es etwa in der Tradition der Alchemie oder bei Denkern wie Schelling zum Ausdruck kommt. Gotthilf Heinrich von Schuberts (Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft, 1808) beschäftigt er sich eingehend mit den Grenzbereichen der Wissenschaft. Phänomene wie der Animalische Magnetismus nach Franz Anton Mesmer und der Somnambulismus fließen direkt in Erzählungen wie Der Sandmann (1816) ein. Hoffmann sieht die Welt als ein Geflecht unsichtbarer psychischer Kräfte und mechanischer Automaten. Das Unheimliche entsteht dort, wo die Grenze zwischen belebter Materie und leblosem Mechanismus – wie bei der Puppe Olimpia – verschwimmt. Es ist eine Kartographie der menschlichen Psyche vor dem Zeitalter der modernen Psychiatrie.

Die Klärung im Weinhaus Lutter & Wegner

Der Kontrast der Sphären findet seinen physischen Ort in der Taverne. Nach den kräftezehrenden Stunden im Kammergericht sucht Hoffmann abendliche Geselligkeit im Weinhaus Lutter & Wegner in der Charlottenstraße am Gendarmenmarkt. Dort, im Dunst von Tabak, Champagner und Rheinwein, lösen sich die Fesseln der preußischen Bürokratie. Der Wein dient als Elixier, um die Phantasie von der Schlacke des Alltags zu reinigen. Hier werden die Rahmenbedingungen für jene Geschichten geboren, die ab 1819 im vierbändigen Zyklus Die Serapionsbrüder erscheinen sollten. Die bürgerliche Fassade des Juristen verbirgt den inneren poetischen Brand.

Das Register der Satire

In den Lebens-Ansichten des Katers Murr (1819/1821) treibt er das Spiel mit der Identität auf die Spitze. Die doppelte Parodie – die Vermischung der Autobiographie des gebildeten Katers Murr mit den eingefügten Makulaturblättern über das Leben des Kapellmeisters Kreisler – ist eine frühe Meisterleistung der literarischen Montage. Er nutzt den Humor als sezierenden Filter, um die Lächerlichkeit philisterhafter Ansprüche offenzulegen. Es ist eine Bestandsaufnahme gesellschaftlicher Eitelkeiten, bei der das Hohe und das Niedere pragmatisch aufeinanderprallen, bis die Ordnung der Welt ins Wanken gerät.

Das Erlöschen im gelähmten Körper

Am 25. Juni 1822 endet die Wacht über die Akten und die Träume. Eine fortschreitende Rückenmarkslähmung (vermutlich infolge einer ALS oder fortgeschrittenen Syphilis) zwingt den Geist in die unbewegliche Hülle des Fleisches, doch die Feder ruht nicht. Diktierend verfasst er am Krankenlager Meisterwerke wie Des Vetters Eckfenster (1822), ein Gründungsdokument des literarischen Realismus.

Hoffmann hinterlässt ein Werk, das wie ein zersplitterter Spiegel wirkt, in dem sich die Moderne in all ihrer Gebrochenheit zum ersten Mal selbst erkennt. Sein Platz ist im Zwischenreich – dort, wo die kühle Vernunft ihre Grenzen anerkennt und das Wunderbare beginnt.