Biografie und Wirken
Das Klirren auf dem Pflaster
Basel am Oberrhein ist eine Stadt der Drucker und der Söldner. Das Geräusch von schweren Stiefeln auf dem Stein mischt sich mit dem rhythmischen Schlagen der Pressen. In den Gassen am Rhein riecht es nach Metall und Tinte. Hier schärft sich ein Blick, der keine Milde kennt. Es ist ein Raum der harten Kontraste. Das Licht bricht sich an den Harnischen derer, die in den Krieg ziehen, und an den Lettern derer, die das Wissen ordnen. Ein Mann beobachtet diese Reibung. Er sucht die Linie, die den Körper in seiner Kraft und seinem Verfall fixiert.
Vom Goldschmied zum Reisläufer
Die Lehre bei seinem Vater in Solothurn legt den Grund für die Präzision. Metall ist der erste Widerstand. Später, in der Werkstatt des Goldschmieds Lienhart Ysenhut in Basel, lernt er das Gravieren. Doch die Enge der Werkstatt genügt nicht. Die Neigung drängt zum Feldzug. Er zieht als Reisläufer nach Italien, nimmt an der Schlacht bei Marignano teil. Der Dreck der Gräben und das Blut auf dem Feld werden zu seiner eigentlichen Schule. Er bringt die Gewalt nicht als Erzählung, sondern als Erfahrung zurück an den Zeichentisch.
Die Signatur des Dolches
Sein Monogramm, der Borstenvieh-Dolch, wird zum Siegel einer neuen Unbeugsamkeit. Er rückt die Gestalt des Landsknechts in das Zentrum seines Schaffens. In den Federzeichnungen zeigt er das pralle Leben: die geschlitzten Ärmel, die ausladenden Federn am Barett, die Dirnen am Wegrand. Doch unter dem Prunk lauert das Skelett. Es ist eine Welt der TransmutationTransmutation (lat. transmutatio „Verwandlung“) beschreibt die bewusste Veredelung oder qualitative Transformation eines Zustands in einen anderen. In der inneren Praxis bezeichnet sie die gezielte Umwandlung niederer, unbewusster Kräfte und Impulse in höhere, geistige Qualitäten – symbolisiert durch die alchemistische Wandlung von Blei in Gold., in der Gold zu Blei wird und der stolze Krieger zur Karikatur seiner selbst. Er hält den Moment fest, bevor die Ordnung in den Staub zerfällt.
Im Zirkel der Humanisten
Trotz seiner Gewaltausbrüche und Gefängnisstrafen bleibt er ein fester Bestandteil des Basler Geisteslebens. Er arbeitet für Drucker wie Johannes Amerbach und Johann Froben. Hier begegnet er der Welt des Erasmus von Rotterdam. Es findet ein Austausch zwischen dem groben Soldaten und den feinen Gelehrten statt. Er liefert die Illustrationen für theologische Traktate und klassische Texte. Es ist ein Dienst an der Form, der im scharfen Kontrast zu seinem ungestümen Leben steht. Die Feder dient der Ordnung des Wissens, während das Schwert die Unruhe sucht.
Die Totentanz-Folge im Geiste
Sein Blick auf die Vergänglichkeit korrespondiert mit der Tradition des Totentanzes, die in Basel allgegenwärtig ist. Er verfeinert das Motiv der Vanitas. Der Tod ist bei ihm kein fernes Gerippe, sondern ein ständiger Begleiter im Zeltlager. Er zeichnet den Tod, wie er einer jungen Frau den Spiegel vorhält oder den Landsknecht beim Spiel beobachtet. Es ist eine Destillation des Schreckens in die reine, nervöse Linie. Jede Schraffur ist ein Hieb gegen die Vergessenheit, ein Festhalten des flüchtigen Atems.
Der Kupferstich als Exerzitium
In den Werken der Passio domini nostri Jesu Christi zeigt sich die religiöse Dimension seiner Arbeit. Er nutzt die Härte des Kupferstichs, um das Leiden in eine grafische Struktur zu gießen. Es geht nicht um Mitleid, sondern um die Wucht des Geschehens. Er bricht mit der spätgotischen Lieblichkeit. Die Gesichter sind gezeichnet von Wut und Schmerz. Hier findet die innere Suche ihren Ausdruck: Die Gewalt, die er auf den Schlachtfeldern gesehen hat, wird zur Metapher für das menschliche Urteilsvermögen und die göttliche Stille.
Verschwinden im Ungewissen
Das Ende der Laufbahn ist von derselben Unruhe geprägt wie ihr Beginn. Er verlässt Basel, entzieht sich der städtischen Ordnung. Die Spur verliert sich in den Wirren der Reformationszeit. Was bleibt, ist ein Œuvre, das wie ein Riss durch die Kunstgeschichte jener Jahre geht. Er war kein Mann der Harmonie, sondern ein Protokollant der Zerrissenheit. Sein Erbe ist die Ehrlichkeit des Strichs, der das Schöne nur dort zulässt, wo es den Abgrund nicht verleugnet. Ein Chronist der Gewalt, der im Kupfer die Wahrheit des Fleisches suchte.
Bildwerke