Hexensabbat - Kopie nach Hans Baldung Grien

Urs Graf

1514

Eine fremde Feder zieht die Linien der Zersetzung nach

Diese getreue Federzeichnung überträgt den dämonischen Albtraum aus Straßburg in die Schweizer Eidgenossenschaft und dokumentiert die frühe Wanderung unheimlicher Bildmotive durch den oberdeutschen Kulturraum.

Der Schweizer Söldner am Zeichentisch

Ein Zeichner greift nach dem Holzstich des Kollegen, um das Motiv im eigenen Werkstoff neu zu befragen. Urs Graf, Goldschmied, Stecher und berüchtigter Reisläufer aus Basel, kopierte das Meisterwerk von Hans Baldung Grien. Graf verzichtet auf das tonige Chiaroscuro des farbigen Druckblocks; er reduziert die Szenerie auf das nackte, unbarmherzige Spiel der Federzeichnung. Die nackten Hexen lagern im dichten Unterholz, doch die Linienführung wirkt unruhiger, nervöser als beim Vorbild, geprägt vom rohen Lebensgefühl eines Mannes, der den Krieg auf den Schlachtfeldern Italiens sah.

Die Metamorphose der Grabstichel-Kunst

Die Vorlage wird durch den Akt des Abschreibens verwandelt. Graf studiert die Details der Maleficium-Küche akribisch: Der brodelnde Topf, der Pferdeschädel und der umgestürzte Dreifuß kehren auf diesem Blatt wieder. Doch die handwerkliche Strichführung bricht mit der strengen Schule Nürnbergs. Wo Baldung das Licht modellierte, setzt Graf auf die reine Kontur. Es ist eine Aneignung durch das Medium der Tinte, eine Aneignung, die das blasphemische Treiben der nächtlichen Gegenwelt in eine fast grafische Abstraktion überführt und die Hexen nackter, schärfer konturiert heraustreten lässt.

Das Echo der Basler Drucker

Basel bildete den intellektuellen Resonanzboden für diese Arbeit. Die Stadt am Rhein war ein Zentrum des humanistischen Buchdrucks, in dem die Schriften des Erasmus von Rotterdam verlegt wurden, aber auch die düsteren Abhandlungen der Inquisitoren zirkulierten. Graf bewegte sich in diesem Spannungsfeld zwischen Gelehrsamkeit und Aberglauben. Seine Kopie zeigt, dass die Faszination für die Unguentum Sabbati, die Flugsalbe, längst die Ateliers der Avantgarde erfasst hatte. Das Werk reflektiert eine Epoche, die das Geheime kopierte, um es begreifbar zu machen.

Das Siegel des Kriegers

Am unteren Rand der Zeichnung weicht die Vorlage der eigenen Identität. Graf setzt sein Monogramm, das mit dem typischen Reisläufer-Dolch versehen ist, neben die gestochenen Linien. Diese Signatur markiert das Selbstbewusstsein eines Künstlers, der sich nicht als bloßer Kopist versteht, sondern als nachempfindender Schöpfer. Er teilt mit Baldung das Interesse am Unproportionierten, an der bewussten Verletzung der klassischen Schönheitsgesetze, wie sie zeitgleich Albrecht Dürer in seiner Proportionslehre zu systematisieren suchte.

Die Dauerhaftigkeit der dunklen Bilder

Dieses Blatt bleibt ein wichtiges Zeugnis für das Entstehen einer eigenständigen Ikonografie des Schreckens. Graf zeigt durch seinen Nachvollzug, dass der Hexensabbat keine isolierte Phantasie Baldungs war, sondern ein kollektives Phantasma der Sattelzeit. Die Kopie bewahrt die Drastik des Originals, verlagert den Schwerpunkt jedoch auf die Dynamik der einzelnen Linie. Es ist ein Dokument der Aneignung, das im Dunkeln der Basler Werkstatt entstand und das Dämonische als feste Währung im oberdeutschen Kunstschaffen konsolidierte.

Über den Künstler

Urs Graf

Das Klirren auf dem Pflaster Basel am Oberrhein ist eine Stadt der Drucker und der Söldner. Das Geräusch von schweren Stiefeln auf dem Stein mischt sich mit dem rhythmischen Schlagen der Pressen. In den Gassen am Rhein riecht es nach Metall und Ti...

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