Hanns Heinz Ewers – Autorenfoto

Hanns Heinz Ewers

1871–1943

Wie es der Schriftsteller und Phantast formulierte:

Böse ist es, sehr böse, hineinzugreifen in die ewigen Gesetze, mit frecher Hand sie herauszureissen aus ihren ehernen Fugen.
— Alrauen, Roman 1911

Biografie und Wirken

Wanderer durch fremde Spiegelkabinette

Der Ausgangspunkt für jede Betrachtung des Lebens von Hanns Heinz Ewers liegt im ausgehenden 19. Jahrhundert, einer Ära, in der die bürgerliche Ordnung unter dem Druck untergründiger, okkulterOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. Strömungen zu bersten begann.

Abbildung

Zwischen den Kaffeehäusern Berlins und den exotischen Schauplätzen seiner Reisen entwickelte er eine literarische Existenz, die zwischen Hochkultur und Sensationslust changierte. Die Akten weisen ihn als vielseitigen Geist aus, der als Kabarettist, Filmautor und Romanschriftsteller agierte, doch lässt sich sein Kern auf einen rastlosen Ästhetizismus reduzieren. Ewers verwandelt die Welt in eine Bühne, auf der das Ich ständig die Masken wechselt, ohne jemals im eigenen Zentrum anzukommen.

Zwischen Moritat und Abgrund

Das literarische Debüt bildet der Gedichtband Die Ginsterhexe, in welchem das Grauen des Alltags durch eine kunstvolle, oft manierierte Sprache domestiziert wird. Die Verbindung von bäuerlicher Überlieferung und grotesker Fantasie verweist auf eine Nähe zum Werk von Gustav Meyrink, wenngleich die Färbung eine deutlich mondänere ist. Ewers versteht es, das Unheimliche nicht als metaphysisches Ereignis, sondern als physische Deformation zu begreifen, welche den Leser aus der Sicherheit des Lesesessels direkt in eine albtraumhafte Körperlichkeit stößt.

Der Student von Prag als Prototyp

Das Manuskript zum Film Der Student von Prag markiert den Durchbruch zur filmischen Moderne. Hier manifestiert sich das Motiv des Doppelgängers, das in der europäischen Romantik verwurzelt ist und bei Ewers eine technisierte Ausprägung findet. Die Abspaltung des Spiegelsbildes fungiert als Parabel auf den Verlust der eigenen Identität in einer entzauberten Welt. Die Kamera übernimmt die Rolle des distanzierten Beobachters, welcher den Dämonismus als rein visuelles Phänomen beglaubigt und damit die Grenze zwischen psychologischem Drama und okkultem Schauerstück vollends auflöst.

Szenenbild aus der Verfilmung von Alraune
Szenenbild aus der Verfilmung von Alraune, 1928

Alraune und die künstliche Schöpfung

Mit dem Roman Alraune greift das Werk nach dem biologischen Tabu. Die künstliche Erzeugung eines Menschengeschöpfes aus kriminellen Wurzeln reflektiert den technokratischen Hochmut der Epoche. Diese Figur verkörpert die absolute Amoralität, die sich jeder gesellschaftlichen Wertung entzieht. Das Faktum der künstlichen Zeugung dient als Leinwand für die Projektion einer modernen Sündenfall-Erzählung, bei der der Schöpfer an seinem Geschöpf verzweifelt, weil dieses keine Seele besitzt, sondern nur den leeren Hunger der Materie.

Der Globetrotter der Dämmerung

Die späten Jahre und die umfangreichen Reiseberichte entlarven den Blick des Autors als jenen eines Sammlers, der Menschen und Orte wie Kuriositäten in einem Kabinett anordnet. Die Distanz zu den beobachteten Kulturen bleibt stets gewahrt, eine Art kultureller Voyeurismus, der sich in prunkvoller Prosa niederschlägt. In den Schriften zu Edgar Allan Poe zeigt sich die eigentliche Wahlverwandtschaft: Die Faszination für das Morbide, das systematische Zersetzen der Vernunft und der Wille, die eigene Endlichkeit durch das Schreiben zu überdauern. Ewers bleibt ein Grenzgänger, der das Ende des Zeitalters nicht verhindern konnte, sondern dessen Zerfall mit einer gewissen, ironischen Eleganz dokumentierte.