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Jussi Parikka

1976–1950

Wie es der Medientheoretiker und Professor formulierte:

Die Dinge haben Autonomie erlangt und nehmen menschliche Züge an...

Biografie und Wirken

Jussi Parikka: Archäologe der technologischen Tiefenzeit

I. Die Freilegung des medialen Sediments

In der Ahnengalerie der zeitgenössischen Medienwissenschaften nimmt der 1976 geborene finnische Theoretiker Jussi Parikka die Rolle eines Tiefenschürfers ein, der die vermeintlich immateriellen Ströme des digitalen Zeitalters auf ihre physischen und historischen Fundamente zurückführt. Parikka, gegenwärtig als Professor an der Universität Aarhus und der Prager FAMU wirkend, etablierte sich in der Nachfolge Michel Foucaults und Friedrich Kittlers als ein maßgeblicher Exponent der Medienarchäologie.

Sein Denken verweigert sich der vordergründigen Faszination für das Ephemere der Benutzeroberflächen. Stattdessen richtet er seinen Blick auf das Verborgene, das Vergessene und das Verworfene – auf jene technologischen Relikte und materiellen Bedingungen, die den gegenwärtigen Zustand unserer Kultur im Stillen determinieren. Seine Arbeit gleicht der eines Paläontologen, der in den Sedimentschichten der Datenablagerungen nach den Formprinzipien der Moderne sucht.

II. Die chthonischechthonisch (altgriech. χθών, „Erde“, „Erdreich“) ist die Bezeichnung für Mächte, Gottheiten und Symbole, die der Erde, der Unterwelt oder der dunklen Tiefe zugeordnet sind. Im Gegensatz zu den lichten, olympischen Himmelskräften repräsentiert das Chthonische das Empfangende, Materielle, Unbewusste und Transformative – in der Alchemie eng verwoben mit der Nigredo und den Wandlungsprozessen der dunklen Materie. AlchemieAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. des Digitalen

Das philosophische Herzstück von Parikkas Œuvre, kulminierend in seinem wegweisenden Werk The Geology of Media (2015), vollzieht eine radikale Erweiterung des Medienbegriffs in das Geologische und Kosmologische. Parikka bricht mit der anthropozentrischen Illusion einer körperlosen „Cloud“ und verortet die Infrastrukturen der globalen Kommunikation in den chthonischen Tiefen der Erde. Er demonstriert, wie die Gewinnung seltener Erden, die Ausbeutung mineralischer Ressourcen und die Synthetisierung chemischer Elemente die conditio sine qua non der digitalen Noosphäre bilden.

In dieser Perspektive erscheint die zeitgenössische Hochtechnologie als eine moderne Form der Alchemie, die das Leblose der Erdkruste in kognitive Prozesse verwandelt. Parikkas Konzept des „Anthropozäns“ offenbart sich nicht nur als ökologische Krise, sondern als eine fundamentale Verschiebung der zeitlichen Maßstäbe, in der die Kurzlebigkeit der Konsumgüter mit der Jahrmillionen dauernden Formation der Minerale kollidiert.

III. Das nicht-humane Archiv und die Signatur der Erde

Für die Bestände unserer Bibliothek ist Parikkas Wirken von überragender hermetischerDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. Relevanz, da es die klassischen Analogien zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos auf materialistischer Ebene neu formuliert. In Studien wie Insect Media (2010) dezentriert er das menschliche Subjekt, indem er zeigt, wie organische Netzwerke, Schwarmintelligenzen und biologische Prozesse als epistemische Modelle für technologische Systeme dienen.

Parikka begreift das Archiv nicht länger als einen staubigen Ort papierener Überlieferung, sondern als ein dynamisches, von Strömen und Energien durchzogenes Geflecht, das die Signatur der Erde selbst in sich trägt. Sein Werk fordert auf, die Geschichte der Medien als eine Kontinuität der Naturgeschichte zu lesen – ein philosophischer Entwurf, der die Trennung zwischen Kultur und Natur aufhebt und das Buch der Technik als ein Kapitel im großen Buch der Schöpfung begreifbar macht.