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Karl Kerényi

1897–1973

Wie es der Religionswissenschaftler und Philologe formulierte:

Ein Gott ist Idee und Welt, und bleibt dennoch in Verbindung mit der Welt, die alle solchen Welten enthält.

Biografie und Wirken

Ein Archäologe der Seele: Karl Kerényi und die Wiederentdeckung des Mythos

Karl Kerényi, 1897 im damals ungarischen Temesvár geboren und 1973 in Kilchberg bei Zürich gestorben, war weit mehr als ein klassischer Philologe. Er verstand es, die antike Welt nicht als staubiges Archiv von Grammatik und Metrik zu betrachten, sondern als einen lebendigen, fortwährenden Prozess menschlicher Selbstvergewisserung.

In einer Zeit, die den Mythos entweder als bloßes Märchen abtat oder ihn für ideologische Zwecke zu instrumentalisieren suchte, beharrte Kerényi auf dessen Eigenwert. Sein Lebenswerk ist das einer​Das Eine ist die absolut transzendente, unteilbare Quelle alles Seienden. Im Neuplatonismus ist es die erste Hypostase, die jeder Vielheit vorausgeht als Ursprung aller Emanationen, ohne selbst Teil der manifestierten Welt zu sein. beharrlichen, beinahe detektivischen Suche nach den „Urformen“ unseres kulturellen Gedächtnisses.

Zwischen ungarischer Gelehrsamkeit und europäischer Moderne

Kerényis intellektuelle Prägung fand in der pulsierenden, gleichwohl von politischen Umbrüchen gezeichneten Atmosphäre des Budapests der Zwischenkriegszeit statt. Als Schüler von Wilhelm Vischer in Basel und geprägt durch den Austausch mit Geistesgrößen wie Thomas Mann und C. G. Jung, entwickelte er früh eine Abneigung gegen jene Art von Wissenschaft, die sich hinter einer Fassade aus Fußnoten vor dem Eigentlichen verschanzte.

Seine Lehrtätigkeiten an den Universitäten von Budapest, Pécs und Szeged waren stets von dem Versuch begleitet, die klassische Altertumswissenschaft aus ihrer Enge zu befreien. Der Bruch mit dem Ungarn der frühen vierziger Jahre führte ihn schließlich in die Schweizer Emigration, wo er im Umfeld des Eranos-Kreises in Ascona den fruchtbarsten Boden für seine interdisziplinären Studien fand.

Der Mythos als unhintergehbare Wirklichkeit

Das Zentrum seines Denkens bildet der Begriff der Mythologie als „Dichtung und Wahrheit“ zugleich. Für Kerényi waren Mythen keine Überbleibsel einer infantilen Menschheitsstufe, sondern Urphänomene, die das menschliche Dasein in seiner existenziellen Tiefe spiegeln. Er vertrat die These, dass der Mythos dem Denken vorausgeht – er ist das „Erzählen“, das erst Ordnung in das Chaos der Welt bringt. In seinen Studien über griechische Gottheiten, etwa über Hermes als den Gott der Wege und der Schwelle oder über Dionysos als Inbegriff des Lebens- und Entgrenzungstriebes, bewies er eine bemerkenswerte sprachliche Eleganz. Er betrachtete diese Gestalten nicht als museale Artefakte, sondern als psychologische Konstellationen, die auch den modernen Menschen in seinen tiefsten Sehnsüchten und Ängsten berühren.

Dialoge auf Augenhöhe: Die Begegnung mit C. G. Jung

Die Zusammenarbeit mit dem Tiefenpsychologen C. G. Jung markiert einen der wohl spannendsten Wendepunkte seines Wirkens. Während Jung die mythologischen SymboleDas Symbol ist ein verdichtetes Zeichen, das über seine bloße materielle Erscheinung hinaus auf eine tiefere, transzendente Wirklichkeit verweist. Im hermetischen Kontext ist das Symbol kein willkürliches Abbild, sondern ein „Korrespondenz-Anker“, der die Kraft der bezeichneten Idee in die physische Ebene kanalisiert und so als Brücke zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos fungiert. als Projektionen des kollektiven Unbewussten deutete, beharrte Kerényi als Philologe darauf, dass der Mythos zuerst in seiner eigenen, historischen und ästhetischen Form zu verstehen sei, bevor er psychologisiert werden dürfe. Dieser fruchtbare Dissens zwischen einem Psychologen und einem Altertumswissenschaftler bewahrte beide vor einem allzu simplen Reduktionismus. Ihre gemeinsame Arbeit an der Struktur des „göttlichen Kindes“ oder des „göttlichen Mädchens“ (Kore) zeugt von einem intellektuellen Austausch, der sich jedem Schubladendenken entzog.

Das Erbe eines skeptischen Humanisten

Kerényis Stil war geprägt von einer trockenen, fast heiteren Sachlichkeit. Er vermied das große Pathos und pflegte stattdessen einen Stil, der den Leser an die Hand nimmt, um ihn in die labyrinthischen Strukturen der griechischen Antike zu führen. Seine Kritik am modernen „Entmythologisierungswahn“ – allen voran in der Auseinandersetzung mit Rudolf Bultmann – zielte darauf ab, die Würde des mythischen Erzählens zu verteidigen. Er verstand sich als ein Vermittler, der Brücken schlug zwischen der akademischen Spezialisierung und einem breiteren, humanistisch gebildeten Publikum.

Dass er dabei auch die eigene Fachwissenschaft gegen den Strich bürstete und mancherlei Anfeindungen durch die konservative Zunft erntete, nahm er mit jener stoischen Gelassenheit hin, die sein gesamtes Auftreten prägte. Bis heute bleibt sein Werk ein notwendiges Korrektiv für alle, die das antike Erbe nicht nur verwalten, sondern in seinem lebendigen, bisweilen gefährlichen Geist begreifen wollen.