Der Geist von Culmin erscheint seiner Mutter

Nicolai Abildgaard

1782

Schaudern der nordischen Gespensterstunde

Als Nicolai Abildgaard um 1794 das Gemälde Der Geist von Culmin erscheint seiner Mutter vollendet, befindet sich Europa im Bann der ossianischen Gespensterpoesie. Die angeblich altgälischen Gesänge des James Macpherson, die der Gelehrte Johann Gottfried Herder als Stimme ursprünglicher Volkspoesie feiert, treffen den Nerv einer Generation, die sich vom rationalistischen Kalkül der Aufklärung abwendet.

Der dänische Historienmaler fängt dieses literarische Ereignis in einer Komposition von düsterer, antikisierender Wucht ein. Die Leinwand offenbart eine dramatische Szenerie, in der das Übersinnliche nicht als ätherisches Licht, sondern als plastisch fassbarer, schwebender Körper im nächtlichen Raum auftaucht.

Die Anatomie des Schemenhaften

Im oberen Bildbereich schwebt der gestorbene Held Culmin waagerecht auf einer dichten Wolkenbank, den Kopf weit nach hinten überstreckt, den Oberkörper dem Himmelsraum preisgegeben. Abildgaard wählt für den Geist keine schemenhafte Transparenz, sondern leiht ihm die muskulöse Strenge antiker Bildhauerarbeiten, deren Vorbilder der Maler während seines Rom-Aufenthalts an den Statuen des Belvederes studierte. Diese plastische Durcharbeitung des Leichnams verknüpft die nordische Götterdämmerung mit der Formensprache der italienischen Renaissance. Das tote Fleisch wird im Schein der Sichel des Mondes zur schmerzhaften Chiffre des Verlustes.

Die Gebärde des physischen Schmerzes

Die Mutter kauert im linken Vordergrund tief zu Boden gebückt, in ein leuchtend gelb-oranges Gewand gehüllt, das in scharfem Kontrast zur dunklen Umgebung steht. Ihre Hände greifen schützend oder verzweifelt an den hinteren Kopf, während das Gesicht im Eigenschatten verborgen bleibt. Diese expressive Pathosformel zitiert antike Sarkophag-Reliefs und vermittelt den körperlichen Druck des Traueraktes. Die Absage an die klassische Gesichtsphysiognomie verlagert den Ausdruck der Tragödie vollständig auf die gewundene, fast unnatürliche Haltung der Wirbelsäule.

Das Bellen der Wachhunde

Zwei Hunde flankieren die Szenerie und reagieren mit gesträubtem Fell sowie weit geöffneten Mäulern auf die unsichtbare Präsenz des Schemens. In der antiken Mythologie gelten Hunde als Schwellenwesen, die für das Reich der Hekate empfänglich sind. Abildgaard nutzt die tierische Unruhe als kompositorisches Bindeglied zwischen der irdischen Sphäre der Mutter und der ätherischen Zone des Sohnes. Die animalische Aisthesis greift dem menschlichen Begreifen vor, indem der Hund das Gespenst wahrnimmt, bevor die Trauernde den Blick zu heben vermag.

Die Heraldik des Schildes

Hinter dem schwebenden Körper lehnt ein großer, ovaler Schild, auf dem das schattenhafte Relief eines springenden Hundes oder Wolfes erkennbar ist. Das Kriegsinstrument verweist auf die verlassene Schlachtstatt und fungiert als melancholisches Attribut des gefallenen Helden. Abildgaard transformiert die epische Dichtung Ossians in eine visuelle Ordnung, in der die Waffen nicht mehr dem Ruhm dienen, sondern als stumme Zeugen einer untergegangenen Welt der Barden verbleiben.

Über den Künstler

Nicolai Abildgaard