Der Alte der Tage

William Blake

1794

Messbecher und Feuersturm

Ein Gott, der die Unendlichkeit mit dem Zirkel vermisst und dabei die eigene Schöpfung in die Enge des Raumes sperrt.

Der Geometer im Abgrund

William Blake schaut nicht zum Himmel empor, um zu beten; er blickt hinauf, um zu warnen. Aus einer glühenden Sonnenscheibe, die wie geschmolzenes Gold am dunklen Firmament hängt, beugt sich eine gewaltige Gestalt herab. Es ist nicht der gütige Vatergott der christlichen Kirche, sondern Urizen, die Verkörperung der vernunftgeleiteten Beschränkung in Blakes eigenem, komplexen Mythos. Sein weißes Haar fliegt im kosmischen Wind, sein Blick ist starr nach unten gerichtet. Mit der linken Hand stoßst er einen riesigen, goldenen Zirkel in das bodenlose Dunkel. Das Werk, das als Frontispiz für das Buch Europe a Prophecy von 1794 entstand, bricht radikal mit den Sehgewohnheiten seiner Epoche. Es zeigt die Schöpfung nicht als Akt der Gnade, sondern als Beginn einer kosmischen Tragödie.

Die Geißel der reinen Vernunft

Um diese Vision zu verstehen, muss man die Werkstatt des Künstlers betreten. Blake nutzt hier ein bizarres, fast alchemistischesAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. Mischverfahren aus Reliefätzung und nachträglicher Aquarellierung. Das Papier saugt die Farben auf, als wären es die Pigmente einer alten Wandmalerei. Diese raue Materialität korrespondiert mit dem geistigen Gehalt. Urizen, dessen Name nicht zufällig an den Horizont erinnert, zieht Grenzen. Wo der Kosmos zuvor unendlich und lebendig war, schafft der Zirkel nun messbare Ordnung, die für Blake gleichbedeutend mit geistiger Sklaverei ist. Diese Skepsis gegenüber der mathematischen Vermessung der Welt teilt er mit den radikalen Mystikern der Vergangenheit. Es ist der ewige Protest der Gnosis gegen den DemiurgenDer Demiurg (griech. δημιουργός dēmiourgós, „Schöpfer“) ist bei Platon der gutwillige Baumeister, der den Kosmos nach dem Vorbild der ewigen Ideen formt. In der Gnosis wird er radikal umgedeutet: als untergeordneter, oft unwissender Schöpfergott, der den göttlichen Funken in der Materie gefangen hält. Im Hermetismus gilt er als aus dem Geist (Nous) hervorgegangene Kraft, die die kosmischen Sphären ordnet., jenen blinden Schöpfergott, der die Funken des Lichts in die Materie sperrt.

Der Schatten über dem Laboratorium

In Europa brennt zu dieser Zeit das Licht der Aufklärung, doch Blake sieht darin nur ein kaltes, künstliches Leuchten. Der Alte der Tage antwortet direkt auf das mechanistische Weltbild, das von Isaac Newton begründet wurde. Während Newton den Kosmos als perfektes, mathematisch berechenbares Uhrwerk feiert, erkennt Blake in diesem Denken die Auslöschung der menschlichen Vorstellungskraft. Er stellt den Schöpfer als kosmischen Archivar dar, der das Unfassbare in Geometrie zwängt. Diese Kritik an der Ratio erinnert an die Warnungen von Jakob Böhme, dessen mystische Schriften Blake tief beeinflusst haben. Böhme beschrieb die Schöpfung als ein Zusammenspiel von Licht und finsterem Urfeuer. Bei Blake wird dieses Urfeuer nun durch die Vernunft gezähmt und damit paradoxerweise erst richtig destruktiv.

Die Geometrie des Gefängnisses

Ein Blick auf die Bildkomposition offenbart die handwerkliche Strenge. Der Körper des Greises ist in ein fast unnatürliches, athletisches Dreieck gepresst. Die Muskeln sind angespannt, jede Faser gehorcht dem Willen zur Formung. Der Zirkel selbst bildet einen scharfen, unbarmherzigen Winkel, der wie ein Blitz in die Finsternis schneidet. Hier gibt es keine weichen Übergänge, keine barocke Gefälligkeit. Blake, der zeitlebens die fließenden Linien von Albrecht Dürer und die monumentale Wucht von Michelangelo bewunderte, nutzt die Anatomie als Ausdruck innerer Besessenheit. Der Zirkel ist kein Werkzeug des Fortschritts, sondern das Instrument einer metaphysischen Einkerkerung. Die Symmetrie wird zum Ausdruck einer Tyrannei, die das Lebendige im Raster des Messbaren erstickt.

Das Echo im Weltenrad

Diese visuelle Warnung steht nicht isoliert in der Kunstgeschichte. Sie greift Motive auf, die bereits Jahrhunderte zuvor in den illuminierten Handschriften des Mittelalters auftauchten, etwa in der Bible moralisée, wo ChristusDer Begriff Messias (hebr. Maschiach, „der Gesalbte“) bezeichnet biblisch den verheißenen Erlöser. In der hermetisch-kabbalistischen Tradition wird der Messias nicht primär als äußere historische Gestalt verstanden, sondern als innerer Zustand: das Erwachen des göttlichen Bewusstseins im Menschen, das die materielle Welt wieder durchgeistigt und die Seele aus dem Exil befreit. ebenfalls mit dem Zirkel die Erde formt. Doch Blake verkehrt die Bedeutung ins Gegenteil. Wo das Mittelalter göttliche Weisheit sah, erblickt der Romantiker den Verlust der Freiheit. Es ist dieselbe kosmologische Skepsis, die sich auch im Corpus Hermeticum findet, wo die Entstehung der materiellen Welt oft als ein Sturz in die Begrenzung geschildert wird. Der Alte der Tage bleibt ein Monument dieses Zweifels. Das Blatt fordert keine Andacht, sondern den Aufstand des Geistes gegen seine eigenen, selbst gewählten Fesseln.

Über den Künstler

William Blake

Engel auf dem Kirschbaum Ein Kind sah in den Feldern von Peckham Rye keine gewöhnliche Natur. Es erblickte Gestalten aus Licht, die in den Zweigen hockten. Diese frühe Schau blieb das Fundament für ein ganzes Dasein. Die Welt der Sinne war für ihn...

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