Das Monochord der Welt

Robert Fludd

1617

Eine Saite spannt sich vom Abgrund bis zum Himmel

Ein einzelnes Saiteninstrument verbindet die Erde mit den Sternen durch die Kraft der Proportion.

Der gestimmte Kosmos

Robert Fludd zeichnet kein Holz, er zeichnet ein Prinzip. Seine Radierung aus dem monumentalen Werk Utriusque Cosmi Historia von 1617 blickt auf ein einsaitiges Instrument, dessen Korpus die Erde berührt, während sein Wirbel in den Wolken ruht. Es ist das Bild einer absolut geordneten Schöpfung. Eine göttliche Hand greift aus einer strahlenden Wolke am oberen Bildrand herab, um den Wirbel zu drehen. Hier wird die Kosmologie zur Musik. Jede Schwingung, jedes Intervall im Universum entspringt diesem einen Seil, das Gott nach den Gesetzen der kosmischen Harmonie gespannt hat und im Gleichgewicht hält.

Das Erbe von Samos

Fludd erfindet diese mathematischen Verhältnisse nicht neu, er greift weit in die Geistesgeschichte zurück. Die Einteilung der Saite folgt der pythagoreischen Tradition, wie sie im antiken Griechenland begründet und durch Platon im Dialog Timaios überliefert wurde. Der Kupferstich zeigt die Intervalle von der Quarte über die Quinte bis zur vollkommenen Oktave, der Diapason. Diese musikalischen Abstände sind keine Erfindung des Menschen, sondern die mathematische Ursubstanz der Natur. Fludd übersetzt das Denken der Antike in eine visuelle Sprache, die ohne theoretischen Ballast die mathematische Schönheit der Welt beweist.

Die Hierarchie der Sphären

Die Saite durchläuft auf ihrem Weg nach oben die gesamte sichtbare und unsichtbare Schöpfung. Unten ruhen die dichten Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer, gefolgt von den Kreisen der Planeten bis hinauf zu den Fixsternen. Fludd verknüpft diese physischen Regionen direkt mit den geistigen Hierarchien der Engel, ganz im Sinne des Dionysius Areopagita. Der Aufstieg auf dieser Tonskala entspricht einer stetigen Verfeinerung der Materie. Wer die Saite von unten nach oben abschreitet, vollzieht den Weg der inneren Läuterung, bei dem das dumpfe Dröhnen der Erde in den reinen Klang des Himmels übergeht.

Der Streit der Gelehrten

Dieses Diagramm blieb im siebzehnten Jahrhundert nicht unwidersprochen. Es entzündete den berühmten wissenschaftlichen Disput mit dem Astronomen Johannes Kepler, der ebenfalls nach den Harmonien der Planetenbahnen suchte. Doch während Kepler die mathematischen Gesetze in den realen, elliptischen Bahnen der Himmelskörper fand, beharrte der Arzt und MystikerMystik bezeichnet das Streben nach einer unmittelbaren, erfahrungsbasierten Einheit mit dem Göttlichen oder dem Absoluten. Anders als der Szientismus erkennt sie die Unzulänglichkeit der bloßen Ratio an und postuliert, dass die tiefste Wahrheit der Wirklichkeit nicht durch Analyse von außen, sondern durch Transformation und Versenkung von innen erschlossen wird. Fludd auf der metaphysischen, hermetischenDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. Wahrheit seines Bildes. Es ist das Aufeinandertreffen zweier Epochen. Für Fludd ist die Geometrie ein heiliges SymbolDas Symbol ist ein verdichtetes Zeichen, das über seine bloße materielle Erscheinung hinaus auf eine tiefere, transzendente Wirklichkeit verweist. Im hermetischen Kontext ist das Symbol kein willkürliches Abbild, sondern ein „Korrespondenz-Anker“, der die Kraft der bezeichneten Idee in die physische Ebene kanalisiert und so als Brücke zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos fungiert., eine Manifestation des Hermes Trismegistos, die sich der bloßen empirischen Messung der Naturwissenschaft entzieht.

Das Echo in der Seele

Am Ende bleibt das Instrument stumm und spricht dennoch zum Betrachter. Die Musica Mundana, die Weltmusik, kann vom menschlichen Ohr nicht direkt vernommen werden, doch sie findet ihr Echo in der Musica Humana, der Harmonie der menschlichen Seele. Fludd begreift den Menschen als einen kleinen Kosmos, der nach exakt denselben Intervallen gestimmt ist wie das große Ganze. Der Kupferstich fordert den Menschen auf, sich in diesen universellen Zusammenklang einzufügen. Es ist das Vermächtnis eines Suchenden, der im Zeitalter der beginnenden Naturwissenschaft die tiefe seelische Einheit zwischen Schöpfer, Natur und Kreatur bewahren wollte.

Über den Künstler

Robert Fludd

Der dunkle Urstoff Am Anfang steht die Leere. Ein tiefer Schatten, das grenzenlose Nichts, das vor der ersten Regung der Gottheit lag. In diesem Schweigen formt sich der Gedanke einer Ordnung, die nicht von Menschenhand gemacht ist. Es ist der Zus...

Zum Künstler-Profil