Das Allfeuer im Strom der Wesen
In der monumentalen Triptychon-Komposition Die Anbetung des Pan entfaltet Johfra Bosschart eine Kosmogonie des chthonischenchthonisch (altgriech. χθών, „Erde“, „Erdreich“) ist die Bezeichnung für Mächte, Gottheiten und Symbole, die der Erde, der Unterwelt oder der dunklen Tiefe zugeordnet sind. Im Gegensatz zu den lichten, olympischen Himmelskräften repräsentiert das Chthonische das Empfangende, Materielle, Unbewusste und Transformative – in der Alchemie eng verwoben mit der Nigredo und den Wandlungsprozessen der dunklen Materie. Lebensdranges, die sich radikal gegen die nüchterne Rationalität der Moderne auflehnt.
Entstanden im Spannungsfeld des niederländischen Metarealismus, greift das Werk das antike Konzept des Pan als All-Gott und Verkörperung der unbeherrschten Naturkraft auf, wie es bereits in den orphischen Hymnen besungen wurde. In einer akribischen, an Hieronymus Bosch und Jan van Eyck geschulten Malweise manifestiert sich die Natur hier nicht als idyllischer Zufluchtsort, sondern als unerbittlicher, wirbelnder Strudel aus Zeugung, Vergehen und unaufhörlicher Wandlung.
Die Throne der Elemente im Bildraum
Das Triptychon gliedert den kosmischen Strom in drei gewaltige Bewegungslinien, die auf die thronende Gestalt in der oberen Mitte der zentralen Tafel zustreben:
Auf der linken Tafel wälzt sich eine Masse amphibischer, grotesker Fratzengestalten aus einem schlammigen Ursumpf empor, dominiert von einem vieläugigen, organischen Felshaufen.
Auf der rechten Tafel steigt eine kaskadenartige Pyramide aus menschlichen Leibern, Fabelwesen und geflügelten Rossen über einer feurigen Höhlenöffnung in den Himmel auf. Das Bildgefüge ordnet die sichtbaren Phänomene nach den klassischen Prinzipien der HermetikDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift.:
- Das wässrig-amphibische Reich der Urformen auf der linken Tafel
- Das feurig-ätherische Streben nach Aufstieg auf der rechten Tafel
- Die ätherische Thronung des gehörnten Pan im Zentrum des Geschehens
Die Ikonografie der gehörnten Gottheit
Hoch über der wogenden Flut der Kreaturen sitzt die Gestalt des Pan, gehüllt in ein smaragdgrünes, auraartiges Lichtfeld. Seine Hörner sind wie das Geweih eines Hirschen verzweigt, während über seinem Haupt ein blaues Flammenzeichen brennt, das den Nox-Aspekt oder die Prima Materia der AlchemieAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. versinnbildlicht. Die Pose der Gottheit im Schneideritz erinnert an orientalische Meditationshaltungen und verleiht dem bockgestaltigen Hirtengott die Würde eines kosmischen Weltenlenkers. Aus seiner Brust und seinen Armen entspringen strudelförmige Wellen von Engeln, Dämonen und Elementargeistern, die sich kreisförmig über die gesamte obere Bildhälfte erstrecken.
Das Gesetz der ewigen Metamorphose
In der Schichtung der Leiber zeigt sich das tiefe Verständnis des Künstlers für die Metamorphosen des Ovid sowie die Tiefenpsychologie von Carl Gustav Jungs ArchetypenArchetypen sind jene tiefsitzenden, universellen Urbilder, die – wie C.G. Jung in seiner analytischen Psychologie darlegte – das Fundament unseres kollektiven Unbewussten bilden. Sie sind das lebendige Echo mythischer Erzählungen und archetypischer Träume, das weit über die bloße Psychologie hinaus in die Bildwelten menschlicher Kultur hineinwirkt.. Die unzähligen, ineinander verflochtenen menschlichen Körper bilden selbst die Architektur der Landschaft: Sie formen Brücken, Bögen, Berge und Wellenkämme. Kein Individuum steht für sich allein; jeder Leib ist nur ein flüchtiges Glied in einer unendlichen Kette des Werden. Die feingliedrige Ausarbeitung jeder einzelnen Hautfalte und Sehne verwandelt den biologischen Vermehrungsdrang in ein majestätisches, wenn auch beängstigendes Sacrificium der Individualität.
Die Poetik der altmeisterlichen Präzision
Die meisterhafte Beherrschung der Malschichttechnik verleiht den wirbelnden Massen eine physische Greifbarkeit, die den Betrachter unmittelbar affiziert. Das Spiel aus erdigen Ocker- und Sepiatönen in den unteren Schichten und den kühlen, smaragd- bis azurblauen Lasurtönen der oberen Himmelsregionen schafft eine plastische Tiefe von enormer Sogwirkung.
Johfra Bosschart gelingt mit diesem Triptychon eine eindrucksvolle Synthese aus mythologischer Gelehrsamkeit und bildnerischer MystikMystik bezeichnet das Streben nach einer unmittelbaren, erfahrungsbasierten Einheit mit dem Göttlichen oder dem Absoluten. Anders als der Szientismus erkennt sie die Unzulänglichkeit der bloßen Ratio an und postuliert, dass die tiefste Wahrheit der Wirklichkeit nicht durch Analyse von außen, sondern durch Transformation und Versenkung von innen erschlossen wird.. Das Werk mahnt den Betrachter an die Unentrinnbarkeit des primordialen Lebensstroms, in dem der Mensch nicht die Krone der Schöpfung darstellt, sondern nur einen vorübergehenden Ton im ewigen Pan-Akkord der Natur.
Über den Künstler
Johfra Bosschart
Geistesgeschichtlicher Standort und ästhetische Verortung Während die europäische Kunstwelt der Nachkriegszeit im Aufbruch der Abstraktion das Heil suchte, wählte der niederländische Maler, Illustrator und Grafiker Johfra Bosschart einen bemerkens...