Hexensabbat

Francisco de Goya

1797-1798

Das Mahl der Finsternis

Im Jahre 1798 vollendete Francisco de Goya im Auftrag der Herzogin von Osuna eine Sechsergruppe kleinerer Leinwände für das Landhaus El Capricho bei Madrid, deren unheimlichstes Stück die Nachwelt unter dem Namen El Aquelarre kennt. In einer Epoche, in der die spanische Inquisition noch immer den Schatten der Verfolgung über das Land warf, griff der Hofmaler ein Thema auf, das in den Akten des berüchtigten Prozesses von Logroño aus dem Jahre 1610 dokumentiert ist. Das Bild dient nicht der Frömmigkeit, sondern inszeniert die dunkle Kehrseite des arkanen Wissens. Es spiegelt die Auseinandersetzung der spanischen Ilustrados um Gaspar Melchor de Jovellanos wider, die im OkkultismusOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. nicht bloß harmlosen Volksglauben sahen, sondern eine machtvolle, subversive Gegenwelt zur Vernunft.

Der Thron des Ziegenbocks

Zentral ragt die rußschwarze Gestalt eines aufrecht sitzenden Ziegenbocks empor, dessen gewaltige Hörner von einem Kranz aus Eichenlaub umwunden sind. Die gelblich glühenden Augen des Tieres fixieren eine hager vor ihm kniende Frau, während seine erhobene linke Klaue eine gebietende Gebärde vollzieht. Diese Hybridgestalt weckt Erinnerungen an die magischen Traditionen der Hermetik, in denen der Baphomet als Sinnbild astralmagischer Bindung und der Vereinigung gegensätzlicher Naturkräfte verstanden wurde. Goya bricht jedoch mit dieser esoterischenEsoterik ist der Sammelbegriff für Lehren, die ein „inneres“, verborgenes Wissen vermitteln, das sich nur dem Eingeweihten erschließt. Sie befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen Mensch, Kosmos und dem Göttlichen. In dieser Bibliothek steht Esoterik für den ganzheitlichen, kontemplativen Zugang zur Wirklichkeit. Harmonie: Die Eichenlaubkrone parodiert den antik-hermetischenDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. Lorbeer der Einweihung und entlarvt den vermeintlichen Großmeister des OkkultenOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. als eine von den Ängsten der Anwesenden genährte Götzenfigur.

Opfergaben der Armut

Eine ausgezehrte Frau hält dem Ungeheuer einen säuglinghaften, völlig abgemagerten Kinderkörper entgegen, während zur Linken ein kleinerer, skelettierter Leichnam am Boden liegt. An einer Stange im Hintergrund hängen weitere ausgedörrte Säuglingskörper wie Trophäen aufgereiht. Die historische Praxis der Magie basierte in der Dämonologie des Malleus Maleficarum von Heinrich Kramer auf dem Pakt und der Abkehr vom Göttlichen. Goya überführt diese okkulte Opferthematik in ein düsteres Tableau: Das Versprechen geheimer Kräfteströme und transzendenter Macht schlägt um in die blutige Realität von Verzweiflung und Tod. Die Anwesenden suchen im verbotenen Ritus nach Erlösung aus dem Elend, verstricken sich jedoch nur tiefer in den Abgrund.

Das Panorama der Verstörung

Kreisförmig um das Tier gruppiert sich eine Versammlung von Gestalten, deren Gesichter in Fratzen erstarren. Rechts blickt eine verhüllte Greisin mit weit aufgerissenem Mund empor, während im Vordergrund zwei in helle Gewänder gekleidete Frauen dem Ziegenbock den Rücken zudrehen. Über der Szenerie steht eine schmale Mondsichel an einem nachtblauen Himmel, durch den der flüchtige Laut lautloser Fledermäuse zieht. Die Reduktion der Farbpalette auf erdige Töne, gebrochenes Weiß und tiefes Schwarz entzieht der geheimen Zusammenkunft jeglichen mystischen Glanz. Die Isolation der Gruppe in einer öden Gebirgslandschaft unterstreicht die alchemistischeAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. Abgeschiedenheit, die hier statt Erleuchtung nur geistige Umschließung gebiert.

Ein Spiegel der Aufklärung

Das Gemälde verzichtet auf den rettenden Einbruch göttlichen Lichts oder das Erscheinen eines Engels. Es verbleibt in der immanenten Logik des Okkulten, wodurch die kritische Absicht des Künstlers hervortritt. Die Parallele zu den zeitgleich entstandenen Radierungen der Caprichos ist greifbar, zeigt jedoch eine komplementäre Perspektive: Während Blatt 43 warnend demonstriert, wie die ruhende Ratio selbst aus ihrem Inneren monströse Trugbilder gebiert, führt die Darstellung des Hexensabbats die Konsequenz vor Augen, wenn das Irrationale und Magische aktiv als Ersatzordnung kultiviert werden. Das Werk fungiert als Gegenbild zur gesunden Vernunft: Es zeigt die Faszination und die verheerende Abwege einer Welt, die sich in den Schatten der HermetikDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. verliert. Goya dokumentiert so nicht die tatsächliche Macht magischer Zirkel, sondern die zerstörerische Wucht einer abgründigen Sehnsucht nach dem Verborgenen.

Über den Künstler

Francisco de Goya