Das Theater des Teufels bittet zu Bett
Ein scharf gezogener Ätzstift verwandelt den alten Hexenwahn in eine bühnenreife Groteske.
Das Unheimliche verliert seine Schwere
Claude Gillot blickt mit den Augen des frühen achtzehnten Jahrhunderts auf das nächtliche Treiben. Seine Radierung Les Sabbats bricht radikal mit der düsteren Tradition der barocken Hexenbilder. Wo ein Jahrhundert zuvor noch bittere theologische Angst herrschte, zeigt sich hier ein inszeniertes Vergnügen. Maskierte Gestalten, Satyrn und schwebende Wesen bevölkern den Bildraum nicht als Ausgeburten der Hölle, sondern als Akteure einer Pantomime. Gillot, der als Meister der Commedia dell’arte in Paris wirkte, entkleidet den Hexensabbat seiner religiösen Bedrohung und rückt ihn in die Nähe des Jahrmarkts.
Die Komödie der Finsternis
Im Zentrum der Komposition agieren die Figuren wie auf einer hölzernen Bretterbühne. Frauen schweben auf Besen durch die Luft, während am Boden ein bocksgestaltiger Dämon den Takt angibt. Diese spielerische Leichtigkeit erinnert an die literarischen Märchen einer Madame d’Aulnoy, die zur gleichen Zeit die Salonkultur prägten. Gillot nutzt das Motiv, um die höfische Gesellschaft im Spiegel des Grotesken zu parodieren. Das Grauen des alten Glaubens wird zum bloßen Ornament, zu einem Divertissement, das ein aufgeklärtes Publikum amüsieren soll, anstatt es in Furcht zu versetzen.
Das Erbe der Meister
Der zeichnerische Stil verrät eine genaue Kenntnis der älteren Kunstgeschichte. Die feinen Linien und die dynamischen Körperhaltungen der Mischwesen knüpfen lose an die phantastischen Radierungen eines Jacques Callot an. Doch während Callot den Schrecken des Krieges und der Verdammnis noch greifbar machte, glättet Gillot die Kanten. Die Geister sind zahm geworden. Es ist das geistige Ökosystem der beginnenden Régence, in der die Strenge des absolutistischen Glaubens einer neuen Freiheit des Denkens weicht, die das Dunkle nur noch als Kulisse für den eigenen Witz begreift.
Die verkehrte Welt als Kulisse
Überall im Bild finden sich Chiffren des Umsturzes. Ein Altar dient als Abstellfläche, heilige Gesten werden im Tanz nachgeäfft. Diese spielerische Gotteslästerung verweist auf das kulturgeschichtliche Phänomen der Saturnalien, jener Feste, an denen die feste Ordnung der Welt für kurze Zeit aufgehoben wurde. Gillot parodiert die geheimen Rituale, wie sie in den Schriften eines Nicolas de Rémy einst als tödliche Gefahr beschrieben wurden. Bei ihm wird die Sünde zum Tanzschritt, die Beschwörung zu einem höfischen Dialog unter Masken.
Der Schüler im Schatten
Diese neue, leichte Ästhetik blieb nicht ohne Folgen für die europäische Kunst. In der Werkstatt von Gillot lernte kein Geringerer als Antoine Watteau, der die hier erprobte Theaterwelt später in die melancholische Eleganz der Fêtes Galantes überführen sollte. Les Sabbats markiert den präzisen historischen Wendepunkt, an dem die Magie ihre metaphysische Realität verliert und ganz in die Sphäre der Ästhetik einwandert. Der Stich entlässt den Betrachter mit einem Lächeln; der Teufel hat aufgehört, die Seelen zu holen, er bittet nur noch zum Tanz.
Über den Künstler
Claude Gillot
Die Dämmerung der Linien Das Paris der späten Jahre Ludwigs XIV. atmet schwer unter dem Golddekor von Versailles. In den Winkeln der Stadt jedoch, fernab der erstarrten Hofetikette, regt sich ein anderer Geist. Es ist die Zeit der Destillation. Ma...
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