Das Salböl wartet im fahlen Licht
Ein nächtliches Gewölbe versammelt den Albtraum des Barock auf einer feinen Holztafel.
Ein Handwerk des Schreckens
Frans Francken der Jüngere malt keine wilden Furien, er zeigt eine akribisch organisierte Werkstatt. Seine Hexenversammlung aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert rückt das Unheimliche in die Nähe des Alltäglichen, indem es magische Praktiken als gelerntes Handwerk darstellt. Frauen unterschiedlichen Alters sitzen im fahlen Schein einer Öllampe beieinander. Eine rührt in einem Kessel, eine andere liest konzentriert in einem schweren GrimoireGrimoires sind Zauberbücher, die Anleitungen für magische Rituale, Beschwörungen sowie Rezepte enthalten. Der Begriff leitet sich vom französischen Wort für Grammatik ab. Obwohl sie auf antike Vorbilder zurückgehen, verbreiteten sie sich vor allem vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert.. Diese geordnete Abwicklung des Schrecklichen spiegelt die systematische Erfassung wider, wie sie der berüchtigte Malleus Maleficarum verlangte. Francken zeigt die Vorbereitung zum Hexensabbat als ein rationales, fast bürokratisches Geschehen.
Die Salbe für den Flug
Im Zentrum des Raumes bereitet eine nackte Frau ihren Körper auf die Reise vor. Sie reibt sich mit dem berüchtigten Flugsalböl ein, einer Rezeptur, die im zeitgenössischen Diskurs aus Alraune, Bilsenkraut und Schierling bestand. Francken fängt die psychotrope Wirkung dieser Kräuter visuell ein, indem er die Grenze zwischen Realität und Wahn fließend hält. Diese Darstellung verweist direkt auf die dämonologischen Traktate eines Jean Bodin, der argumentierte, dass der Teufel die Sinne der Menschen durch pflanzliche Säfte und Einbildungen täusche. Das Bild dokumentiert den Moment vor dem Abheben, den Übergang von der festen Materie in die geisterfüllte Luft.
Das Getier der Finsternis
Kröten, Katzen und hybride Mischwesen bevölkern den steinernen Boden. Jedes dieser Tiere fungiert im System des frühneuzeitlichen Aberglaubens als Spiritus Familiaris, als persönlicher Hilfsgeist, der die Verbindung zur Unterwelt hält. Ein kleiner Drache hockt auf einem Schemel und beobachtet die Szene mit kalten Augen. Francken schöpft hier aus dem visuellen Erbe eines Hieronymus Bosch, reinigt die Ungeheuer jedoch von mittelalterlicher Grobheit und bettet sie in eine barocke Hell-Dunkel-Malerei ein. Die Kreaturen sind keine Fremdkörper; sie gehören zur Ökonomie dieser geheimen Stube wie die Besen und die Tongläser.
Die verkehrte Liturgie
Am Rand des Geschehens vollzieht sich eine gotteslästerliche Handlung. Eine Gruppe liest aus einer umgedrehten Bibel, während ein Skelett eine Kerze hält. Francken parodiert hier die katholische Messe und verwandelt das Ritual in sein dunkles Spiegelbild. Diese Umkehrung sakraler Zeichen war ein zentraler Anklagepunkt in den Hexenprozessen der Epoche. Der Maler, der im streng katholischen Antwerpen für ein gelehrtes Publikum arbeitete, kannte die theologischen Debatten genau. Er zeigt die Sünde nicht als plötzlichen Impuls, sondern als eine sorgfältig einstudierte, falsche Frömmigkeit, die den Untergang der Seele betreibt.
Der Rauch durch den Schornstein
Der Blick wird unweigerlich nach oben gelenkt, wo der dunkle Schlund des Kamins den Ausgang markiert. Hier entfliehen die Hexen auf ihren Besen und Mistgabeln in die Nacht, um sich auf dem Blocksberg zu versammeln. Francken nutzt diesen Bildraum für eine subtile Verbindung zur zeitgenössischen Landschaftsmalerei eines Pieter Bruegel der Ältere, dessen winterliche Düsternis hier im Rauch fortlebt. Der Schornstein ist die Schnittstelle zwischen der Enge des Labors und der Grenzenlosheit der Nacht. Er symbolisiert das unkontrollierbare Entweichen des Bösen in eine Welt, die sich nach Ordnung und göttlichem Schutz sehnt.
Über den Künstler
Frans Francken der Jüngere
Stille im Kabinett Das Licht in Antwerpen fällt steil durch die hohen Fenster der Patrizierhäuser. Es trifft auf poliertes Ebenholz, auf Muschelschalen aus fernen Meeren und auf das matte Leuchten alter Manuskripte. Hier beginnt eine stille Invent...
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