Der Heilige Hieronymus im Gehäus

Albrecht Dürer

1514

Ein milder Sonnenstrahl fällt schräg durch die runden Butzenscheiben

Dieser dritte große Meisterstich von 1514 breitet eine tiefe, fast greifbare Stille aus, in der das Wort zur eigentlichen Heimat des Geistes wird.

Das Gehäus der Einkehr

Ein Gelehrter sitzt vertieft an seinem Schreibpult, geborgen im warmen Holz einer niedrigen Stube. Albrecht Dürer wählte für diesen Kupferstich den Begriff des Gehäuses, was im damaligen Sprachgebrauch weit mehr als eine Kammer bedeutete; es beschreibt einen Zustand vollkommener Abscheidung von der Welt. Im Vordergrund lagern schläfrig ein Löwe und ein kleiner Hund. Sie teilen den Raum mit dem Heiligen, gezähmt durch die Gegenwart eines Geistes, der sich der Übersetzung der Vulgata, der lateinischen Bibelübertragung, widmet.

Das Licht auf der Fensterbank

Die Helligkeit bricht sich an den Gläsern und wirft wellenförmige Reflexe an die Wand. Dürer beherrscht das Spiel der Zentralperspektive mit einer Exaktheit, die den Betrachter unweigerlich in den Raum zieht. Jedes Detail, vom Kardinalshut an der Wand bis zu den Pantoffeln unter der Bank, besitzt eine feste Verankerung im System. Es ist die Visualisierung der Vita Contemplativa, jener Lebensform des reinen Nachdenkens, die im Gegensatz zum unruhigen Treiben auf den Gassen steht.

Das Echo der Schriftgelehrten

Der intellektuelle Raum dieses Blattes atmet den Geist des europäischen Humanismus. Dürer setzte hier seinem Freund Erasmus von Rotterdam ein heimliches Denkmal, der zeitgleich an der kritischen Edition des Neuen Testamentes arbeitete. Auch die Briefe von Willibald Pirckheimer hallen in dieser Kammer nach. Das Werk feiert das geduldige Studium der alten Sprachen, das Hebräische und das Griechische, als Weg zur Reinigung der göttlichen Wahrheit von den Schlacken der Jahrhunderte.

Das Zeichen der Sanduhr

An einem Balken über dem Gelehrten hängt ein Totenschädel auf dem Fensterbrett, während eine Sanduhr die Zeit misst. Diese Chiffren der Vergänglichkeit wirken hier jedoch nicht bedrohlich oder laut. Sie sind eingewoben in den Rhythmus des Tages. Der Tod verliert seinen Schrecken im Angesicht der ewigen Wahrheit der Schrift. Das Bild spiegelt die frühreformatorische Sehnsucht nach einer Erneuerung des Glaubens aus der Quelle des reinen Wortes.

Der Dreiklang der großen Blätter

Dieses Blatt schließt den Kreis der großen Meisterstiche. Es korrespondiert im Inneren mit Melencolia I und Ritter, Tod und Teufel. Wo der Melancholiker an der Welt verzweifelt und der Reiter sie im Harnisch durchmisst, findet Hieronymus den Frieden im Kontext der KontemplationKontemplation ist das vertiefendes Ergründen eines spezifischen Symbols oder geistigen Inhalts. Im Gegensatz zur Meditation wird der Geist nicht entleert, sondern auf einen „Gegenstand“ gerichtet, um dessen inneres Wesen durch intellektuelle Durchdringung zu erschließen.. Es ist die Apotheose des Gelehrten, der im Leisen baut und dessen Stube durch den feinen Grabstichel Dürers zu einem Monument für die unzerstörbare Kraft des Gedankens wird.

Über den Künstler

Albrecht Dürer

Das Licht hinter den Alpen Der Blick weitet sich im Pass. Der Fels steht hart gegen den Himmel, und das Blau der Ferne verspricht eine Ordnung, die über das Enge der heimischen Gassen hinausweist. In der Beobachtung der Natur beginnt das Sichten d...

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