St. Georg und der Drache

Fidus (Hugo Höppener)

1910

Ein nackter Jüngling bezwingt die Finsternis

Hugo Höppener bannt den uralten Kampf gegen das Untier in das lichte Gewand der Lebensreform.

Das Licht als Waffe

Ein Lanzenstoß bricht sich Bahn durch das Dunkel. Hugo Höppener, den die Nachwelt fast nur unter dem Künstlernamen Fidus kennt, stellt den christlichen Ritter nicht in eiserner Rüstung auf das Feld. Sein Georg ist nackt, getragen von einer beinahe schmerzhaften Reinheit, die direkt aus den Idealen der Lebensreform erwächst. Es ist die Vorstellung, dass der unberührte menschliche Körper selbst das reinste Gefäß des göttlichen Funkens sei. Hier zeigt sich eine deutliche Nähe zu den Lehren von Karl Spiesberger, der später die Verknüpfung von Runenmagie und Körperhaltung betonte. Der Jüngling steht nicht bloß im Kampf; er vollzieht eine rituelle Handlung, eine sichtbare Form der Lichtarbeit, bei der die Klinge der Lanze die Strahlen der Morgensonne in den Schlund des Ungeheuers leitet.

Die Überwindung der Materie

Der Drache schaut uns nicht als Ungetüm aus Fleisch und Blut an. Er gleicht vielmehr einer schweren, formlosen Masse, die das Aufstreben der Seele verhindern will. In dieser Darstellung schwingt die alte Gnosis mit, jene Überzeugung, dass die materielle Welt ein Gefängnis sei, das vom wahren Licht geschieden ist. Fidus fängt diesen Dualismus mit feinen, fast mathematisch präzisen Linien ein. Der Drache verkörpert das Prinzip des DemiurgenDer Demiurg (griech. δημιουργός dēmiourgós, „Schöpfer“) ist bei Platon der gutwillige Baumeister, der den Kosmos nach dem Vorbild der ewigen Ideen formt. In der Gnosis wird er radikal umgedeutet: als untergeordneter, oft unwissender Schöpfergott, der den göttlichen Funken in der Materie gefangen hält. Im Hermetismus gilt er als aus dem Geist (Nous) hervorgegangene Kraft, die die kosmischen Sphären ordnet., die Fesselung an das Irdische. Der heilige Georg hingegen nutzt keine rohe Gewalt, sondern die feine Vibration des reinen Willens. Diese Idee der geistigen Selbstbehauptung spiegelt sich auch in den Schriften von Franz Hartmann wider, der zeitgleich versuchte, die okkultenOkkultismus ist ein Sammelbegriff für Lehren und Praktiken, die sich mit den „verborgenen“ Kräften der Natur und des Geistes befassen. Er umfasst Traditionen wie Magie, Esoterik und Hermetik, die über das rein rational-materialistische Weltbild hinaus nach einem tieferen, meist intuitiven oder symbolischen Verständnis der Realität streben. Gesetze der Natur wissenschaftlich und künstlerisch fassbar zu machen.

Die AlchemieAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. des Sieges

Der Kampf vollzieht sich auf einer Anhöhe, die an die einsamen Gipfel der Romantiker erinnert. Es ist der Ort der TransmutationTransmutation (lat. transmutatio „Verwandlung“) beschreibt die bewusste Veredelung oder qualitative Transformation eines Zustands in einen anderen. In der inneren Praxis bezeichnet sie die gezielte Umwandlung niederer, unbewusster Kräfte und Impulse in höhere, geistige Qualitäten – symbolisiert durch die alchemistische Wandlung von Blei in Gold., des großen Werkes. Die Lanze bildet die vertikale Achse zwischen Himmel und Erde, eine lebendige Verbindung, die den solaren Geist des Jünglings in die tellurische Tiefe des Drachen senkt. Es ist die Spagyrik des Bildraumes: Das Flüchtige wird fixiert, das Feste wird gelöst. Der Drache stirbt nicht durch Zerstörung, sondern er wird durch das Licht transformiert, assimiliert in die neue Ordnung des anbrechenden Zeitalters. Wer die Schriften von Robert Fludd kennt, erkennt hier das kosmische Monochord wieder, das die Harmonie zwischen den Sphären durch einen einzigen, reinen Ton wiederherstellt.

Der AstralkörperDer Astralkörper ist eine feinstoffliche Hülle, die als Sitz von Gefühlen und Bewusstsein den physischen Körper umgibt und der Seele als Träger in der Astralebene dient. im Triumph

Die Bewegung des Heiligen besitzt eine eigentümliche Schwerelosigkeit. Es ist kein schwerer Ausfallschritt, sondern ein fast tänzerisches Verharren im Moment des Triumphes. Die Konturen des Körpers scheinen leicht zu fließen, als bestehe der Jüngling selbst aus einer feineren Substanz als der ihn umgebende Fels. Fidus fängt hier visuell ein, was Sylvan J. Muldoon später als die Loslösung des Astralkörpers beschrieb. Der physische Kampf ist nur die äußere Hülle für eine innere, seelische Projektion. Der wahre Sieg findet auf der fluidalen Ebene statt, wo der geschulte Wille die niederen Triebe und Astrallarven bannt.

Das bleibende Erbe der Vision

Am Ende bleibt ein Bild, das den Betrachter in eine eigentümliche Stille entlässt. Fidus hinterlässt uns kein Dokument des Schmerzes, sondern ein Zeugnis der Überwindung. Das Werk verweist in seiner feinen Linienführung auf eine geistige Weltordnung, wie sie auch Gottfried Wilhelm Leibniz in seiner Vorstellung einer prästabilierten Harmonie vorschwebte, in der jeder MonadeDer philosophische Begriff Monas (altgriech. μονάς monás: „Einheit“) bezeichnet das unteilbare Eine oder die kleinste unteilbare Einheit. Auf der Monas basieren Konzepte von der Antike über das Mittelalter bis zur Philosophie von Giordano Bruno oder Leibniz (-> Monade). ihr fester Platz im Kosmos zugewiesen ist. Der heilige Georg ist hier kein getriebener Streiter mehr; er ist der kosmische Mensch, der den Mikrokosmos reinigt, um den Makrokosmos widerzuspiegeln. Ein Monument des Glaubens an die unsterbliche Kraft des Geistes über die Trägheit der Welt.

Über den Künstler

Fidus (Hugo Höppener)

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