Ma Patronne

Louis Welden Hawkins

1903

Der Fluss verzeiht keine Eile

Ein Brückenbogen der Seine spannt sich durch den Dunst, schwer, steinern, profan in seiner Alltäglichkeit. Louis Welden Hawkins wählt für sein Werk Ma Patronne keinen lichten Altarraum, sondern das feuchte Ufergestade, an dem das Pflaster in den Schlamm übergeht. Hier steht eine Gestalt, die den Betrachter bannt, weil sie sich der Logik der Moderne entzieht. Es ist die heilige Geneveva, Schutzpatronin von Paris, doch Hawkins kleidet sie nicht in den Prunk kirchlicher Historienmalerei. Sie trägt den groben, dunklen Mantel einer einfachen Frau, deren Hände sich im schweren Stoff verbergen. Jedes Detail dieser Erscheinung verlangt nach einer Verlangsamung des Blicks.

Das Licht der Ewigkeit im Alltag

Ein vollkommener Kreis aus mattem Gold hinterfängt das Antlitz. Dieser Nimbus bricht die Dämmerung auf und isoliert die Gestalt aus der profanen Topographie der Großstadt. Hawkins, der dem Kreis der Symbolisten angehörte und im Salon de la Rose-Croix von Joséphin Péladan ausstellte, verweigerte sich dem Diktat des reinen Impressionismus. Wo seine Zeitgenossen den flüchtigen Moment des Lichts einfingen, suchte er das Bleibende, das Absolute. Die Geometrie des Scheins gehorcht den Gesetzen der inneren Schau, wie sie schon in der mittelalterlichen Ikonographie verankert war, um das Durchbrechen der Transzendenz in die irdische Sphäre anzuzeigen.

Die Brücke der Eingeweihten

Im Hintergrund trennt die Brücke den Raum. Sie erinnert an die Schwelle, die in den Lehren der Gnosis das Diesseits vom Jenseits scheidet. Während Maurice Maeterlinck in seinen Dramen die Stille und das Unaussprechliche zum eigentlichen Akteur erhob, übersetzt Hawkins diese Sprachlosigkeit in Malerei. Die Bäume rahmen die Heilige wie die Säulen Jachin und Boas eines verborgenen Tempels. Es ist eine Natur, die mitwissend schweigt. Der Fluss selbst, träge und tief, wird zum Lethe-Strom, der das Vergessen der materiellen Welt einfordert, bevor der Geist sich dem Heiligen anheimgeben kann.

Die Stille des Rosenkreuzes

Péladans Aufruf zu einer Kunst, die sich vom Realismus abwendet, findet in diesem Bild seine stille Erfüllung. Die Malerei wird hier zum rituellen Akt, vergleichbar mit den Schriften von Stephane Mallarme, der das Wesen der Dinge durch Aussparung und Andeutung heraufbeschwörte. Hawkins nutzt eine gedämpfte Palette, in der die Erdtöne und das tiefe Grün der Vegetation dominieren. Es gibt kein lautes Pathos. Die Schutzpatronin steht unbeweglich, ein Fixpunkt in einer Welt, die sich durch die Industrialisierung gerade in rasender Geschwindigkeit selbst verlor. Sie ist die personifizierte Einkehr.

Das Ewige im Vergänglichen

Die Kraft dieses Porträts liegt in seiner Weigerung, sich der zeitgenössischen Ästhetik des flüchtigen Eindrucks zu beugen. Hawkins erinnert an die initiatorische Kraft der Kontemplation, wie sie in den alten hermetischenDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. Traktaten beschrieben wird. Die Figur der Geneveva wird bei ihm zur Hüterin einer Schwelle, die jeder Suchende überschreiten muss, der das Geheimnis hinter den sichtbaren Phänomenen ergründen will. Das Werk bleibt ein Monument des Übergangs – gemalt an der Grenze von Tag und Nacht, von Stadt und Natur, von Mensch und Mythos.

Über den Künstler

Louis Welden Hawkins

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