Satan ruft seine Legionen

Thomas Lawrence

1802

Der Titan auf feurigem Grund

Im Jahre 1797 präsentierte Thomas Lawrence, der primär als meisterhafter Porträtist der britischen Aristokratie Berühmtheit erlangte, in der Royal Academy of Arts ein monumentales Werk, das völlig aus seinem bisherigen Schaffen herausragte: Satan summoning his Legions.

Entstanden mitten in den Erschütterungen der Französischen Revolution und dem Aufkommen der europäischen Romantik, wählte Lawrence eine Episode aus dem Ersten Buch von John Milton epischem Meisterwerk Paradise Lost. Das Gemälde markiert den Versuch des Künstlers, sich im prestigeträchtigen Genre der Historienmalerei zu etablieren. Anstelle eines abscheulichen Monsters zeigt die Leinwand eine antikisierende, atemberaubend überlebensgroße Gestalt, die den gefallenen Engel als tragischen, titanischen Helden inszeniert.

Die Anatomie der Empörung

Gestreckt steht der gefallene Erzengel auf einem glühenden Felsen über dem feurigen Pfuhl des Pandämonium, die Arme reckt er in einer imposanten Gebärde gen Himmel, während in seiner Linken ein langer Speer ruht. Die Akribie, mit der Lawrence den muskulösen, von unten angestrahlten Torsos modellierte, nimmt direkten Bezug auf die antike Bildhauerei, insbesondere auf den Torso vom Belvedere sowie die monumentalen Figuren Michelangelo Buonarroti in der Sixtinischen Kapelle. Das Spiel aus Licht und Schatten hebt jede Sehne hervor und verwandelt den bloßen Körper in eine physische Manifestation unbeugsamen Willens. Der Makel des Falles wird nicht als Verfall der Form, sondern als Übersteigerung klassischer Heroik sichtbar gemacht.

Der Blick des gefallenen Lichtbringers

Unter einem Helm mit emporragendem rotem Busch blickt das Gesicht des Führers der Rebellenschar mit weit geöffneten, wild glühenden Augen nach oben. Es ist die Darstellung jenes unversöhnlichen Stolzes, den Milton mit dem berühmten Diktum „Better to reign in Hell, than serve in Heav'n“ versah. Die Züge tragen keinen Ausdruck von Reue, sondern eine Mischung aus Zorn, Schmerz und abgrundtiefer Entschlossenheit.

Lawrence fängt die Essenz des Sublimen ein, jener Kategorie des Ästhetischen, die Edmund Burke in seiner Abhandlung A Philosophical Enquiry into the Origin of Our Ideas of the Sublime and Beautiful als eine durch Schrecken und Unermesslichkeit hervorgerufene Erschütterung definierte.

Gefährten im Abgrund

Gleich hinter der Hauptgestalt kauert Beelzebub, der zweitmächtigste der gefallenen Engel, in sinnender, fast schwermütiger Haltung auf einem Speer gestützt. Während der Anführer die Masse mit triumphierender Geste aufpeitscht, verkörpert der Gefährte die düstere Reflexion des unumkehrbaren Schicksals. Die Füße der Titanen stehen am Rande eines phosphoreszierenden Abgrunds, aus dem flüssiges Feuer und glühende Dämpfe emporsteigen. Diese detaillierte Gegenüberstellung von eruptiver Handlungsenergie und brütender Melancholie Verleiht der Bildkomposition eine dramatische Spannung, die weit über eine bloße Textillustration hinausreicht.

Der Funke der Romantik

Das Werk stieß bei zeitgenössischen Kritikern wie William Hazlitt auf geteilte Resonanz, da die Ästhetisierung des Bösen als kühner Regelverstoß empfunden wurde. Dennoch nahm das Gemälde eine Schlüsselstellung ein: Es wandelte die biblische Figur des Verführers in eine Projektionsfläche des romantischen Geniekults und des byronschen Helden um.

Lawrence wendete die Prinzipien der klassischen Form auf das Reich der Finsternis an und schuf damit eine archetypischeArchetypen sind jene tiefsitzenden, universellen Urbilder, die – wie C.G. Jung in seiner analytischen Psychologie darlegte – das Fundament unseres kollektiven Unbewussten bilden. Sie sind das lebendige Echo mythischer Erzählungen und archetypischer Träume, das weit über die bloße Psychologie hinaus in die Bildwelten menschlicher Kultur hineinwirkt. Ikone des titanischen Aufbegehrens. Die Gestalt bleibt verankert in einer Ästhetik, die das Schreckliche nicht zur Abschreckung nutzt, sondern es zur erhabenen Tragödie erhebt.

Über den Künstler

Thomas Lawrence