Die Geburt der Ordnung aus der Bewegung
Als Peter Proksch im Jahr 1970 das Blatt Eurynome tanzt aus dem Chaos schafft, greift er auf den von Robert Graves in dessen Werk The Greek Myths ausgegrabenen pelasgischen Schöpfungsmythos zurück.
In einer Epoche, in der die europäische Avantgarde die Abstraktion vollendete oder das serielle Raster feierte, entscheidet sich der Wiener Meister für den altmeisterlichen Aufbau einer hochkomplexen Figuration. Seine filigrane Mischtechnik setzt der formlosen Ursuppe des Kosmos eine strenge, graphische Disziplin entgegen. Das Werk entfaltet eine Dynamik, in der die Erschaffung der Welt nicht als abstrakter Schöpfungsakt, sondern als leiblicher Tanz inszeniert wird.
Der Reigen des Ophiomorphs
Im Zentrum der Vertikalen steht die nackte Göttin Eurynome, deren gestreckte Gliedmaßen und emporgehobene Arme den Rhythmus der Weltwerdung vorgeben. Um ihren Körper windet sich in mächtigen, grünlich schimmernden Schleifen die Urschlange Ophion, deren Kopf sich im oberen Bilddrittel dem Antlitz der Göttin zuneigt, um den künftigen Weltenkeim zu befruchten. Die Leiber bilden eine doppelte S-Kurve, die das Kompositionsschema des klassischen Kontraposts in eine dynamische Spirale überführt. Aus dieser leiblichen Verflechtung erwächst die Trennung der Elemente: Der Unterleib der Göttin berührt noch das aufgewühlte Urgewässer, während ihr Haupt bereits in die Äthersphäre hineinragt.
Das Gesetz der doppelten Bewegung
Das Wellen- und Wirbelmuster im unteren Bereich des Blattes korrespondiert mit den züngelnden, haarförmigen Ausläufern, die den Kopf der Göttin wie eine Aura umgeben. Die feinen Binaritäts-Strukturen verweisen auf die hermetischeDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. DialektikUrsprünglich die Kunst der Gesprächsführung zur Wahrheitssuche, bezeichnet Dialektik im hermetischen Kontext den dynamischen Prozess der Vereinigung von Gegensätzen. Wie bei der Coniunctio führt das Spannungsfeld zwischen These und Antithese (z.B. Geist und Materie) zur Synthese – einer höheren Stufe der spirituellen Transformation und Erkenntnis. von Form und Stoff, wie sie Giordano Bruno in seinen Dialogen über das Unendliche beschrieb. Der Tanz der Göttin teilt das unifferenzierte Chaos in gegensätzliche Wirkkräfte:
- Das wässrige Element als träge, empfangende Ursubstanz
- Das feurige Prinzip als brennender Formwille des Geistes
- Die Schlange als vermittelnder Impuls der Inspiration
Die Ästhetik des feinen Strichs
In der handwerklichen Ausarbeitung begegnet der Betrachter der für Peter Proksch charakteristischen Akribie der Federzeichnung, die sich über getönte, lasierende Farbflächen legt. Die Haut der Göttin ist durch extrem feine, kreuzweise gesetzte Schraffuren modelliert, die dem Fleisch eine fast marmorne Transparenz verleihen, während die Schuppenstruktur der Schlange durch dichtere, dunklere Linienscharen plastisch hervortritt. Die Linienführung wird nicht zur bloßen Kontur degradiert, sondern dient als primäres Organ der Substanzbildung. In dieser zeichnerischen Dichte spiegelt sich das idealistische Paradigma, dass alle Materie letztlich strukturierte Geometrie und geronnener Geist sei.
Das kosmische Mysterium
Peter Proksch gelingt mit diesem Werk ein eindrucksvolles Dokument mythologischer Rezeption innerhalb der phantastisch-allegorischen Strömung. Der Bedaunkungsraum des Bildes bleibt frei von modernistischen Beliebigkeiten und treibt stattdessen eine archaische Ikonografie auf die Spitze.
Eurynome verkörpert nicht bloß eine antike Sagenfigur, sondern die ewige Emanation des Lebendigen aus dem Abgrund des Ungeformten. Die Schöpfung erscheint als fortlaufender Akt einer ästhetischen Bändigung, deren Urknall im ersten Schritt der Tänzerin liegt.
Über den Künstler
Peter Proksch
Geistesgeschichtlicher Standort und ästhetische Verortung Es gehört zu den reizvollen Anachronismen der österreichischen Kunst- und Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts, dass ausgerechnet in der von politischen Umbrüchen und ästhetischen Radikal...
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