Pornokratès

Félicien Rops

1878

Ein Schwein an seidener Leine führt die Vernunft im Kreise

Die 1878 entstandene Aquatinta-Radierung Pornokratès zeigt die absolute Herrschaft des Fleisches über einen erblindeten Geist.

Der Triumphzug auf blauem Grund

Eine nackte Frau schreitet erhobenen Hauptes über ein steinernes Podest, bekleidet nur mit schwarzen Handschuhen, Schuhen, einem Hut und einer seidenen Schärpe. Félicien Rops bricht hier radikal mit der Tradition der klassischen Aktdarstellung, wie sie im akademischen Salon des neunzehnten Jahrhunderts gepflegt wurde. Diese Frau ist keine schüchterne Venus, sondern eine triumphierende Herrscherin, die ein fettgemästetes Schwein an einer hellen Leine führt. Das Tier, Sinnbild der niederen Instinkte, fungiert als ihr Wegweiser, während sie selbst mit einer Binde vor den Augen ins Ungewisse wandelt.

Die gestürzte Hierarchie der Künste

Am Fuße des Postaments trauern drei kleine Putten, welche die drei klassischen Gattungen – Malerei, Bildhauerei und Poesie – verkörpern. Ihre Instrumente liegen zerbrochen am Boden; die Kunst hat ihre veredelnde Funktion verloren und klagt über ihren eigenen Niedergang. Rops spiegelt in dieser Komposition die düsteren Diagnosen des französischen Denkers Charles Baudelaire wider, dessen Gedichtband Les Fleurs du Mal er kongenial illustrierte. Es ist das bittere Eingeständnis, dass die Ästhetik des Fin de Siècle sich nicht mehr aus göttlicher Inspiration speist, sondern zum Sklaven der Sinnlichkeit herabsinkt.

Das Echo der dunklen Päpste

Der Titel verweist direkt auf das historische Konzept der Pornokratie, jene Epoche des zehnten Jahrhunderts, in der einflussreiche Kurtisanen die Geschicke des Vatikans lenkten. Rops entkleidet diesen Begriff seines rein klerikalen Kontextes und weitet ihn zu einer universalen Gesellschaftskritik aus. In einer Epoche, die sich dem positivistischen Fortschrittsglauben verschrieben hatte, zeigt der Künstler die unheimliche Wiederkehr des Archaischen. Die herrschende Frau wird zur profanen Hohepriesterin einer neuen Weltordnung, in der die Vernunft durch das Band der Triebe gefesselt ist.

Die AlchemieAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. des Sündenfalls

In der esoterischenEsoterik ist der Sammelbegriff für Lehren, die ein „inneres“, verborgenes Wissen vermitteln, das sich nur dem Eingeweihten erschließt. Sie befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen Mensch, Kosmos und dem Göttlichen. In dieser Bibliothek steht Esoterik für den ganzheitlichen, kontemplativen Zugang zur Wirklichkeit. Tradition liest sich das Blatt als eine exakte Umkehrung der königlichen Hochzeit, wie sie im Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz beschrieben wird. Statt der Vereinigung von Geist und Materie zur Erschaffung des Steins der Weisen herrscht hier die absolute Materie über das spirituelle Prinzip. Die Augenbinde der Frau ist keine Justitia-Metapher, sondern das Zeichen der spirituellen Blindheit, der Avidya aus den fernöstlichen Traktaten, die zu jener Zeit durch Helena Blavatsky im Westen Verbreitung fanden. Der Mensch läuft Gefahr, die Verbindung zu seinem unsterblichen Funken zu verlieren.

Das Urteil der Geistesgeschichte

Rops nutzt die Technik der Vernis-mou, der Weichgrundradierung, um eine Textur von fast fleischlicher Weichheit zu erzielen, die im harten Kontrast zur Kälte des Steins steht. Damit fängt er das Lebensgefühl einer Generation ein, die sich zwischen dem Ekel vor der eigenen Natur und der Faszination für das Morbide bewegte, ganz im Sinne des Schriftstellers Joris-Karl Huysmans. Das Werk bleibt ein unerbittlicher Spiegel der menschlichen Zivilisation. Es zeigt, dass Kultur nur eine dünne Decke ist, unter der das ungezähmte Verlangen darauf wartet, die Führung zu übernehmen.

Über den Künstler

Félicien Rops

Die Schwere des wallonischen Bodens Namur liegt im Nebel. Die Maas führt graues Wasser, das an den Steinen der Ufer leckt. Hier herrscht eine Stille, die nichts mit Frieden zu tun hat, sondern mit dem Beharren auf der Substanz. In den Gassen der S...

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