Bordando el manto terrestre

Remedios Varo

1961

Weltenstoff aus dem Turmgemach

Das im Jahr 1961 geschaffene Ölgemälde Bordando el manto terrestre („Das Sticken des Erdmantels“) bildet die kompositorische Mitte jenes autobiografisch grundierten Triptychons, mit dem Remedios Varo ihr philosophisches Vermächtnis im mexikanischen Exil formulierte. Flankiert von den Tafeln Hacia la torre und La huida, entfaltet die Arbeit im Spannungsfeld zwischen hermetischerDie Hermetik umreißt einen geistesgeschichtlichen Komplex, der auf den Legenden um Hermes Trismegistos basiert. Sie umfasst alchemistische, astrologische und magische Lehren. Kern ist die Korrespondenz zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos („Wie oben, so auch unten“), die den Menschen als Teil einer göttlichen Weltordnung begreift. MystikMystik bezeichnet das Streben nach einer unmittelbaren, erfahrungsbasierten Einheit mit dem Göttlichen oder dem Absoluten. Anders als der Szientismus erkennt sie die Unzulänglichkeit der bloßen Ratio an und postuliert, dass die tiefste Wahrheit der Wirklichkeit nicht durch Analyse von außen, sondern durch Transformation und Versenkung von innen erschlossen wird. und den Lehren George Gurdjieffs das Szenarium eines achteckigen Turmes. In dessen Innenraum sitzen junge, identical gekleidete Frauen an ihren Stickrahmen und bringen ein golden glänzendes Gewebe hervor, welches durch die schmalen Maueröffnungen nach draußen quillt. Der Blick auf diese Komposition legt die Mechanik einer geheimnisvollen Kosmogonie offen, die das Erschaffen der Welt an das akribische Handwerk der Nadel bindet.

Das Gesetz der doppelten Triade

Im Zentrum des achteckigen Raumes steht eine verhüllte, aufrecht aufragende Meisterfigur, die in einer Hand ein aufgeschlagenes Buch hält und mit der anderen einen Rührstab in einem alchemistischenAlchemie (von arab. al-kīmiyāʾ) ist die protowissenschaftliche und hermetische Kunst der Stoffwandlung und Selbsterkenntnis. Sie verbindet Naturphilosophie, Metallurgie und Symbolik mit dem Ziel, die Materie zu läutern (Magnum Opus), den Stein der Weisen zu bereiten und das Unvollkommene zu veredeln. Sie vereint die mikrokosmische Veredelung des Menschen mit der makrokosmischen Offenbarung göttlicher Naturgesetze. Gefäß führt. Aus der Tiefe des Nischenhintergrunds begleitet eine schemenhafte Gestalt das Geschehen auf einer Flöte, deren Töne direkt in die dampfende Ursubstanz überzugehen scheinen.

Varo inszeniert hier eine Entsprechung zur kosmolagischen Konzeption, die P. D. Ouspensky in seinen Aufzeichnungen über das vierte System beschreibt: Die Weltentstehung entspringt der systematischen Verknüpfung von Klang, Wort und materia prima. Der Aufseher agiert als antiker Demiurg, dessen Anweisungen die Bewegung der Hände an den Stickrahmen im Takt der kosmischen Ordnung steuern.

Die Gewebestruktur des Erdenrunds

Der aus den Mauerschlitzen strömende Goldstoff erweist sich bei genauerer Betrachtung keineswegs als bloßes Textil, sondern als die physische Kruste der Welt selbst. Aus dem gefalteten Tuch erwachsen feingewobene Häuserzeilen, Schiffe auf gewellten Gewässern, Gebirgskämme und sanft geschwungene Täler, die sich sanft über die Wölbung des Erdballs legen. In der präzisen Malweise, die sich an die Feinmalerei eines Jan van Eyck anlehnt, verdichtet sich der Faden zum reliefartigen Panorama. Die Natur erscheint als ein artifizieller Schleier, der das fundamentale Nichts verhüllt und die Existenz als künstliches Artefakt ausweist.

Die subversive Nadel im Saum

Eine eingehende Musterung des im linken Bildvordergrund herabfallenden Stoffs offenbart ein winziges, aber entscheidendes Detail in der Faltenstruktur. Eine der Stickerinnen hat entgegen der strengen Instruktion des Buches eine heimliche Abweichung in das Muster eingewebt: Zwei winzige Figuren fliehen Hand in Hand aus der erstarrten Ordnung der Turmlandschaft. Dieses Detail offenbart den Akt der Subversion, der direkt im Gefüge der Determination ansetzt. Die Befreiung aus der kollektiven Unmündigkeit erfolgt nicht durch das Zerschneiden des Fadens, sondern durch die feine, unbemerkt eingefügte Transformation des vorgegebenen Gewebes.

Die Geometrie der Befreiung

Die Architektur des Turmes kombiniert die Strenge perspektivischer Konstruktion mit der räumlichen Isolation eines Klosters. Die Isolation des Raumes wird dabei durch die ausstrahlenden Fäden durchbrochen, welche die Kammer mit den fernsten Winkeln der Schöpfung verknüpfen. Bordando el manto terrestre erweist sich so als ein geistesgeschichtliches Traktat über die Macht des Geistes, der aus den Werkzeugen des Zwangs ein Instrument der Befreiung formt. Remedios Varo hinterlässt mit diesem Hauptwerk ein Dokument über das Verhältnis von Vorbestimmung und individuellem Willen, in dem die Kunst selbst zur alchemistischen Praxis der Weltverwandlung wird.

Über den Künstler

Remedios Varo

Später Schritt aus dem Schatten An der Schnittstelle von magischem Realismus, Alchemie und Pariser Surrealismus nimmt Remedios Varo (1908–1963) eine Sonderstellung ein: Sie war keine bloße Gehilfin der männlichen Avantgarde, sondern eine feinsinni...

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