Schöpferische Evolution – Buchcover

Schöpferische Evolution

1907
Originaltitel: „L’Évolution créatrice“
„Intelligenz ist charakterisiert durch die natürliche Unfähigkeit, das Leben zu verstehen.“
Bergson entwickelt in diesem Werk die Theorie des Élan vital, eines schöpferischen Lebensimpulses, der als nicht-mechanistischer Antrieb die biologische Evolution vorantreibt.
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„Intelligenz ist charakterisiert durch die natürliche Unfähigkeit, das Leben zu verstehen.“
Bergson entwickelt in diesem Werk die Theorie des Élan vital, eines schöpferischen Lebensimpulses, der als nicht-mechanistischer Antrieb die biologische Evolution vorantreibt.
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Werk und Inhalt

Der Widerstand des Lebens gegen die Kausalität

Henri Bergson entfaltet 1907 in L’Évolution créatrice eine Metaphysik der lebendigen Zeit, die den naturwissenschaftlichen Mechanismus seiner Epoche an seine Grenzen führt. Der französische Philosoph wendet sich gegen die Tendenz des Intellekts, den biologischen Werdeprozess in isolierte, mathematisch berechenbare Zustände zu zerlegen.

Der Positivismus eines Herbert Spencer oder der strenge Neo-Darwinismus erblicken in der Entwicklung der Arten lediglich die Anhäufung zufälliger Materialverschiebungen. Bergson stellt diesem reduktionistischen Weltbild den Begriff des élan vital gegenüber – jenen ursprünglichen Lebensimpuls, der die Materie durchdringt, sie überwindet und in immer komplexere, unvorhersehbare Formen treibt. Die Evolution erscheint in dieser Perspektive als ein kontemplatives wie dramatisches Geschehen, in dem das Leben als schöpferischer Strom der Trägheit der physikalischen Masse trotzt.

Die Spaltung des Lebensstroms und die Entstehung des Intellekts

Im Zentrum von Bergsons Argumentation steht die Verzweigung des Lebensimpulses auf seinem Weg durch die Materie. Bergson zeichnet nach, wie sich die evolutionäre Bewegung in zwei Hauptrichtungen differenziert: den Instinkt, der in der Welt der Insekten seine vollendete Ausprägung findet, und den Intellekt, der im Menschen zur Dominanz gelangt.

Der menschliche Verstand erweist sich als ein Werkzeug des Handelns, geformt für den Umgang mit unbelebter Materie. Er schneidet aus dem ununterbrochenen Fluss des Werdens feste Scheiben heraus – eine Methode, die Bergson mit der Funktionsweise des Kinetographen vergleicht. Dieser geometrisierende Intellekt greift jedoch fehl, sobald er das Wesen des Lebens selbst fassen will. Das Verstehen des Organischen erfordert vielmehr den Übergang zur Intuition, die als uneigennützig gewordener Instinkt in das Innere des Lebensstroms einzudringen vermag.

Zeit als echte Dauer und die Überwindung des Finalismus

Einen zweiten Schwerpunkt bildet die radikale Neudeutung der Zeit als durée – als reine, dauernde, qualitative Gegenwart, in der die Vergangenheit unaufhörlich in die Zukunft hineinwächst. Bergson erteilt nicht nur dem kausalen Mechanismus eine Absage, sondern ebenso dem klassischen Teleologismus. Der Finalismus, wie er von der Scholastik bis zu Gottfried Wilhelm Leibniz vertreten wurde, begreift die Zukunft lediglich als Abwicklung eines vorgegebenen Bauplans. Für Bergson bringt die Natur in jedem Augenblick echte Neuheit hervor; die Evolution gleicht dem Werk eines Künstlers, dessen letzte Gestalt in keinem Entwurf vorgezeichnet liegt. Die vergleichende Anatomie des Auges bei Mollusken und Wirbeltieren dient ihm als Evidenz: Die verblüffende Analogie der Organe entspringt keinem Zufall und keinem Ausführungsplan, sondern der identischen Stoßkraft des élan vital, der ähnliche Hindernisse der Materie auf gleiche Weise durchbricht.

Die Wirkungsgeschichte einer metaphysischen Erneuerung

L’Évolution créatrice besticht durch eine außergewöhnliche Synthese aus akribischer Biologiekritik und Poesie der Begriffe. Bergson pflegt eine von Metaphern getragene Prosa, die den Geist des Lesers aus der Verfestigung starrer Denkschemata löst und ihm den unmittelbaren Vollzug des Werdens erfahrbar macht. Das Werk zündete weit über die Fachphilosophie hinaus: Es inspirierte die Literatur eines Marcel Proust, befeuerte die Lebensphilosophie der Jahrhundertwende und schlug eine Brücke von der Metaphysik zur modernen Biologie.

Bergson gelingt eine gedanklich dicht gefügte Ehrenrettung des Geistes: Er befreit die NaturphilosophieDie Naturphilosophie ist eine philosophische Betrachtung der Natur als beseeltes, lebendiges Ganzes. Sie sucht hinter den rein naturwissenschaftlichen Gesetzen nach einem tieferen, oft spirituellen Verständnis der Welt und begreift die Natur als einen Spiegel geistiger Prozesse, wie es etwa in der Tradition der Alchemie oder bei Denkern wie Schelling zum Ausdruck kommt. aus dem Korsett des Materialismus und gibt dem Bewusstsein seine Rolle als Mitschöpfer eines sich unaufhörlich neu gebärenden Kosmos zurück.